Hinweis: Zur besseren Navigation habe ich einen Link eingefügt

  1. Es geht los
  2. Moore und Seen
  3. Auf alten Spuren
  4. Ins Land der Vorfahren

Am 27. Juni 2024, in 12 Tagen (!), startet meine nächste Fahrradreise in das Baltikum. Und dieses Mal nicht allein, zumindest den Start betreffend !!!

Es ist vorgesehen, dass ich in der ersten Woche entlang der lettischen Ostseeküste gemeinsam mit Heiko und seiner Tochter Judith fahren werde. Mit ihrer Hilfe hattte ich 2018 die Homepage der Bürgerinitiative PRO RAD STRALSUND erstellt und sie hatten bereits in der Familie Baltikum(rad)erfahrungen gemacht.

0. Vorbereitung der Tour

Wir beiden Männer werden am 27. Juni mit einem Fernbus von Berlin bis Riga fahren. Judith beendet in diesem Monat ihre Auslandsstudienzeit in Tartu/Estland und am 28. Juni wird ab Riga die Küstenbiwakradtour in Richtung KAP KOLKA gemeinsam gestartet.

In Litauen werde ich zunächst Valdas mit seiner Tischtennisgruppe in Rietavas immerhin zum dritten Mal besuchen! In Klaipeda werde ich mich ebenfalls auf bekanntem Terrain bewegen bevor es danach den Memelfluß aufwärts in Richtung Sowjetsk/Tilsit/Kaliningradski Oblast bzw. Panumene/Litauen geht. Ich will mir in diesem Jahr einen jahrzehnte alten Traum erfüllen: Insterburg/Tschernyachowsk, die Geburtsstadt meines Vaters Kurt erleben!

Vorher sind noch wichtige Dinge zu klären, u.a.

  • das am 3. Juni durch mich beantragte einmonatige Touristenvisum für das Kaliningrader Gebiet muss ich selbst in den Händen halten;
  • ich muss aufklären, über welche Grenzübergangsstellen ich von Litauen aus in die Russische Föderation (RF) mit dem Rad einreisen und nach Polen wieder ausreisen kann; (vom Auswärtigen Amt der BRD erhielt ich die Auskunft, dass das nur an einer Stelle möglich sei und zwar aus Richtung Osten über den Suwalki Korridor);
  • welche Devisen darf ich aus der EU ausführen unter dem Gesichtspunkt der EU-Sanktionen gegenüber der Russischen Föderation (RF); Euro soll davon betroffen sein, aber Dollar, Pfund usw. als Währung erlaubt? Gibt es aber ein Limit pro Tag ???

Ihr merkt sofort Fragen über Fragen und ich muss jetzt 10 Tage vor Reisebeginn leider konstatieren, dass aus meiner Umgebung deutlich mehr als 90 Prozent davon abraten, in dieser jetzigen politisch aufgeheizten und kritischen Situation nach Russland zu fahren.

Ist es aber gerade jetzt nicht besonders wichtig, sich persönlich ein Bild von dem Unbekannten zu machen, ist es nicht gerade jetzt besonders wichtig direkte Kontakte zwischen Bürgern verschiedener (verfeindeter oder nicht verfeindeter) Länder zu suchen ? Meine bisherig gemachten Baltikumerfahrungen werden mir dabei hoffentich eine wichtige Stütze sein.

Bei einer gemeinsamen Fahrt mit Edeltraud und Gerhard Lange, ein befreundetes Radlerehepaar, bekam ich im Mai 2021 Herzprobleme. Gerhard tauschte sein E-Bike gegen mein Diamantrad von 1943 aus, zumal wir schwieriges Gelände im Tal der blinden Trebel befuhren. Mit dem Bike kam ich wunderbar zurecht, wie sich Gerhard auf dem ungewohnten Drahtesel fühlte,bleibt hier lieber unbeantwortet.

Schon in der nächsten Woche erkundigte ich mich bei meinem vertrauten Fahrradhädler HEIDEN und erhielt ein in Preis und Leistung phantastisches Angebot: Einen Leasingrückläufer Typ STEVENS E-Courier, der in drei Jahren eine Laufleistung von 4.500 Kilometern hatte.

Im Juni des gleichen Jahres gab es gleich die erste Tour: Ab Rosenheim/Bayern – Regensburg-Altmühltal-Bamberg-Thüringer Wald-Großer Fichtelberg. Mit fünf anderen Radbegeisterten von Chemnitz fuhre wir zum größten Berg der ehemaligen DDR und mit der DB nach Hause. Nicht nur die erstmaligen Übernachtungen in einem Ein-Mann-Zelt machten die zwei Wochen zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Wie vielleicht bereits bekannt, befuhr ich mit dem Stevens das Baltikum im Juni 2022. Welches Rad nehme ich aber dieses Mal mit?

Eine wirklich schwere Entscheidung! Falls Herzprobleme auftreten sollten, wäre das E-Bike natürlich stark im Vorteil; die Tagesfahrleistung müsste ich voraussichtlich beim Oldie um 40 Prozent reduzieren.

Aber, die spannende Suche nach E-Spannung entfällt! Darüber hinaus werden direkt entlang der Ostseeküste sehr häufig Wiesen- und Waldwege zu befahren sein. Ich habe auf vielen Fahrten die Erkenntnis gewonnen, dass sich in schwierigem Gelände das ältere Fahrrad viel leichter als die modernen Räder fahren lässt. Die Vordergabel ist weiter nach vorne gebeugt und deshalb hat dieses Rad einen längeren Radstand als moderne Modelle. Bei schwierigem Gelände ist das ein bemerkenswerter Vorteil! Wie ich bereits erwähnte, werden Judith, Heiko und ich die ersten knapp Kilometer direkt neben der Ostseeküste vermutlicherweise vorwiegend schwieriges, sandiges und unebenes Terrain fahren. Separate Asphaltradwege werden eher die Ausnahme sein.

In den letzten drei Wochen fuhr ich ausschließlich mit dem mehr als 80 Jahre alten Rad, testete über zwei knapp 100 Kilometer langen Tages-Touren meine Konstitution und fühlte mich gut dabei. Das DIAMANT-Rad erhielt bei HEIDEN einen neuen Antrieb und einen Außenspiegel. Somit ist wohl meine Entscheidung zu erkennen: Ich plane etwas mehr Zeit ein und versuche die ganze sache etwas entspannter anzugehen.

Heute am 21.Juni erhielt ich eine sehr gute Auskunft: Gestern ist in Rostock im RASPUTIN REISE CENTER das Touristenvisa für den Kaliningradski Oblast eingetroffen!

Am 26. Juni erhielt ich von Heiko einen Anruf, mit der Frage: hast du auch von Flkxbus eine Nachricht erhalten? Da ich nachmittags noch die lettzten Unterrichtsstunden mit meinen Abiturientinnen htte, die tags darauf ihre mündliche Matheprüfung zu absolvieren hatten, wusste ich nichts von einer Nachricht.

1. Es geht los !

Flixbus teilte mit, dass unsere Busverbindung nicht mehr direkt von Berlin nach Riga gehen würde, sondern in Berlin zwei Stunden eher starten würde, in Warschau umzusteigen wäre und zwei Stunden auf den Bus zu warten wäre. DAS FÄNGT JA GUT AN! Für uns hieß das, zwei Stunden früher in Stralsund mit dem RE 3 starten, also Abfahrt um 06.16 Uhr.

Obwohl ich bereits vor 4.30 Uhr aufstand und obwohl mich meine Gattin Monika tatkräftig bei den Vorbereitungen unterstützte, kam ich leider erst wenige Minuten vor Zugabfahrt am Bahnsteig an. Was wohl Heiko über diesen kleinen Nervenkitzel denkend würde. Ein bißchen peinlich war es mir. Es ging pünktlich los und in Berlin am Hauptbahnhof kam er genau auf die Minute an, auch das gibts noch bei der DB.

Wir hatten und entschlossen vom Hauptbahnhof zum Bahnhof Südkreuz zu fahren. Zwischen Bundeskanzleramt und Brandenburger Tor fuhren wir an verschiedenen Fanmeilen hinsichtlich der Fussball EM 2024 vorbei. Der Park um die Siegessäule herum war in diesem Moment komplett gesperrt. Welch gewaltiger Aufwand!

Ein anderes Ungemach zog am Horizont auf: Heiko hatte eine Naxhricht von Flixbus erhalten, die daruf hinwies: Der Bus ab Warschau hat keine Fahrradträgger, deshalb würde die Mitnahme der Fahrräder nicht möglich sein !!! Ist doch auch mal was: FAHRRADTOUR OHNE RÄDER….Einen Hinweis in der Nachricht nahm ich ernst: Kontaktieren Sie uns unter einer angegebenen Telefonnummer und vereinbaren Sie mit uns eine neue Lösung. Die Mitarbeiterin des Callcenters schlug vor, über Dresden und Kaunas mit 4 Umstiegen zu fahren. Garantie zur Fahrradmitnahme könne allerdingssie nicht geben.

Also blieb es bei der vorgesenen Fahrtroute. Heikos hatte hierfür ein starkes Argument: Bei der veränderten Busverbindung wurde bei beiden festgehalten, Fahrradmitnahme gebucht! Ich befragte im Bahnhof Südkreuz im DB Reisecenter eine Mitarbeiterin nach Zugverbindung nach Riga incl. Fahrradmitnahme, um für den schlimmsten fall, eine Alternative zu haben.Ab Warschau wäre am Freitag früh eine Zugfahrt nach Vilnius möglich, Ankunft gegen fünf abends und der nächste Zug von Vilnius nach Riga führe am Samstag früh und käme abends an und wäre darüber hinaus schon ausgebucht. Radmitnahme eh nicht möglich!!!

Hoch lebe die Verständigung zwischen den Völkern der Europäischen Union! Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich die Situation in der EU gegenüber der Zeit vor 1990 deutlich verschlechtert hat.

01.07.2024 Sorry, dass der Beitrag wegen technischer Panne verschwand und ich bitte um Entschuldigung wegen der Textlastigkeit. Ich könnte sagen wie einst L. Matthäus bei seiner New York Ankunft: „But it would be better…“

Mit viel Zureden durch Heiko und Verweis auf unseren Vertrag mit Flixbus incl. Radmitnahme verstaute der Fahrer die Räder doch im Gepäckraum. Zu unserer Überraschung mußten wir kurz hinter Marijampole den Bus wechseln und der das neue Fahrzeug hatte Fahrradträger. Hat hier einer im Busmanagement von Flixbus doch ein schlechtes Wissen bekommen wegen der vielen Unannehmlichkeiten… Oder alles nur Zufall…

Das war noch nicht alles mit den Überraschungen:

Offensichtlich sind wir in den Bus umgestiegen, der für uns ursprünglich vorgesehen war.!!! Er hatte auch die gleiche Liniennummer. Wir mussten aber Freitag früh 2 Stunden früher aufstehen und hatten in Warschau spät abends 2 Std. „rumzulungern“. Das ist schon heftig und kaum nachzuvollziehen.

Halbwegs pünktlich und überglücklich kamen wir beide auf dem Rigaer Busbahnhof an und wurden von Judith freundlich begrüßt. Bei einem Marktrundgang gab es auch ein kleines Frühstück.

2. Moore, Seen und Ostseeküste

Auf die nächste Woche Radeltour mit ihrem Vater (und einem eingeschlichenen Gast) hatte sich Judith als Tourguide sehr gut vorbereitet. Entlang der lettischen Küste haben wir mehrere Nationlparks wie z. B. Hoxhmoore und Seen besucht.

Eine Pause muss natürlich auch mal sein.

Judith hat mit ihrem Gaskocher Warmversorgung eingebracht. Neben der Erholung lockte auxh immer mal wieder die Arbeit.

Judith hatte beim Zeltaufbau wesentlich mehr Routine. Aber auch ich war mal fertig.

Wir hatten sogar mal das Glück nur wenige Meter neben dem Strand unser zu Hause aufbauen zu können.

Ein – aus der Gegenrichtung kommender – Biker hielt an und gab uns wesentliche Hinweise, wie. z. B. eine gut zu umfahrende große Straßenbaustelle zwischen Kap Kolka und Ventspils.

Bei Wanderungen an den Seen war so manches Abenteuer zu bestehen.

Am Rande eines Sees führte ein Pfad durch ein Schilfgebiet sowie über den Rand eines Sees; am Ende des Naturpfades begrüßte ich sie auf „festem“ Grund und sah, dass im Seen-oder Moorbereich durchaus auch mal hohe Bäume wuchsen.

Aber auch Beobachtungen der vieltältigen Vogelwelt, wie beispielsweise weiße Vogelreiher aber auch vierbeinige Exoten. Es wird im Naturpark „Endure-See“ versucht, Wildpferde zu züchten, die mit einem dunklen Strich auf dem Rücken ein besonderes Merkmal besitzen.

Als Laie muss ich allerdings auch feststellen, dass das Züchten von Wildtieren, die mit zahlreichen Touristen in einem Gatter zusammen „gepfercht“ sind, ein gewisses Geschmäckle hat. es wird m.E. versucht, Interessen des Naturschutzes mit denen der Tourismusbranche in Einklang zu bringen.

Unser nächstes Ziel war die für seine Fischwirtschaft und für den Seglerhafen bekannte Stadt Roja (gesprochen rucha, hat nichts mit spaniacher Stadt zu tun). Bei meinem Kontakt zu Freunden erfuhr ich vom Segler Klaus, dass er bei der Ostseeumsegelung mit seiner Gattin auch hier eine Pause einlegte.

Auf der Fahrt nach Roja kamen wir an dem beeindruckenden Kap Mérsrages vorbei. Das war für mich von besonderem Interesse, da wir festlegten, dass sich unsere Wege am nächsten Tag, Dienstag, 02. Juli, trennen würden. Judith und Heiko bleiben an der Küste zum Kap Kolka und fahren weiter über Ventspils nach Liepaja. Heiko sendete mir am Freitag nach dem Erreichen von Lieöaja folgende Karte von ihrem Streckenverlauf:

Für mich wird die Hauptstadt des Kurlandes, Kuldiga das nächste Ziel sein.

in den letzten tagen hatte ich bemerkt, dass judith sich sehr zusätzlich zu ihrem masterstudium mit dem fotografieren intensiv beschäftigt. ihr vater sendete mir die folgende aufnahme.

in roja sah heiko am gemeindezentrum eine gebietskarte (sh.oben). diese half mir sehr bei der gestrigen fahrt zum herzstück des kurzeme/kurland, welches im vergangenen jahr die anerkennung als unesco – weltkulturerbe erhielt. außerdem recherchierte heiko, dass kuldiga/goldingen immerhin 97 km (!) entfernt liegt. ich blieb aber bei meiner ursprünglichen entscheidung, das an einem tag zu bewältigen.

wir verabschiedeten uns voneinander am dienstag, 02.07. auf dem zeltplatz, der in dieser nacht nur durch uns bewohnt wurde.

3. Auf alten Spuren

während ich noch am abend zuvor mit dem zeltaufbau beschäftigt war, fuhren die beiden anderen zum einkauf in die stadt. auf dem ansonsten sehr gut ausgestatteten zeltplatz war zwar strom vorhanden aber free wifi nicht. so bi ich abends noch mal nach roja und fand ein nettes hotel mit der möglichkeit, einen schmackhaften fisch-starter zu mir zu nehmen. bei einem anderen gelegenheit genoss ich eine fischsuppe.

Bei der Fahrt bemerkte ich abends, dass das Rad ohne Gepäck klapperte, machte mir aber keine weiteren Gedanken. Früh morgens bemerkte Heiko bei einer kleinen Gepäckkontrolle, dass eine Strebe vom Gepäckträger an der Hinterachse weg gebrochen war; ich musste das natürlich zunächst reparieren lassen. Wie bereits von mirbewährt, in einer Autowerkstatt. Fahrradwerkstätten vermeiden oder dürfen nicht schweissen. der sehr freundliche Kfz-Mechatroniker in einer nicht markengebundenen Autowerkstatt bat mich, für 2 minuten (!) Geduld zu haben, er würde gleich rangehen. In Deutschland fast undenkbar!

Es hatte inzwischen angefangen zu regnen und es steigerte sich zu einem sehr starken Regenguss, der mehr als eine Stunde anhielt. Ich dachte, haben Judith und Heiko auch diesen Starkregen und können ebenfalls so günstig abwettern? Mir wurde im Büro der Werkstatt sofort Strom und free Wifi angeboten. Ich konnte mich darum kümmern, das technische Problem mit dem Blog oder der Homepage lösen zu lassen. Ein ehem. Klassenkamerad rief mich aus Erfurt an und vermutete, dass ich meine Radtour abbrechen mußte, weil auf der Pro Rad Stralsund Seite der Blog verschwunden war, er mutmaßt mit seienem hintergründigen Humor:“ Ich verstehe dich; an deiner Stelle würde ich auch die Fahrt abbrechen, um ab Barth an der ab 07.07. beginnenden traditionellen einwöchigen Bootstour teilzunehmen.“ Ich mußte ihn aber enttäuschen.

Obwohl ich das bereits nach ca. 15 (!) gefahrenen Kilometern bereute und schon fast in einen Bus einsteigen wollte. Tagszuvor war schönes Wetter und wir hatten zudem Rückenwind; mit Judith an der Spitze fuhren wir vorwiegend knapp 23 km/h! Aber, in Richtung Kuldiga war auf den ersten knapp 20 km die Straße in einem miserablen Zustand, es herrschte zusätzlich Gegenwind und es regnete, mein Regenumhang blähte sich häufig erheblich auf, was meine Fahrt nicht gerade erleichterte. Ich dachte an einem Morgen auf dem Campingpkatz in Jurmala, als Judith beim Zusammenpacken ihres Zeltes eine Windböje das Zelt fast …

… aus der Hand riss. Es kam noch dazu, dass es eine andere Sache ist, zu dritt zu fahren oder alleine durch die Gegend zu düsen und Kilometer für Kilometer die vor mir liegenden 97 „zu fressen“. Was solls ich mußte durch, es war ja nun mal mein völlig eigener Entschluss und Stralsund war noch ein Stückchen weg.

Ab der kleinen Ortschaft mit dem interessanten Namen Jaromarpils wurde es zumindest mit den Fahrbahnverhältnissen besser. Ich möchte der Ehrlichkeit halber nicht verschweigen, dass ich beim Absteigen mit dem rechten Bein am Rahmen hängen blieb, dass ich mich unter dem Rad „begrub“; außer den erschrockenen Blicken von Dorfbewohnern geschah aber weiter nichts und ich konnte den Veikals/laden nutzen.

Hinter der Gebietshauptstadt Tulsa wurde zu meiner großen Freude auf einer Länge von ca. 10 Kilometern bei einem Straßenneubau ein separater Geh-und Radweg angelegt. Wie ich bemerkte, wurde dieser Asphaltweg auch sehr intensiv von Hausschnecken genutzt und offensichtlich von den vorherigen Radlern nach dem Verkehrvorsatz „Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme“ behandelt… Keine einzige Schnecke wurde überfahren! Wenn es auch nicht ums Überfahren geht, wünschte man sich auch hier wie in Deutschland, dass überholende Autofahrer nicht mit einem extrem geringen Abstand Radler überholen, denn auch hier sollte obiger Grundsatz gelten.

In dem kleinen Ort Stende machte ich in einem sehr großen Kulturhaus, der Sozialismus grüßt auch hier noch, eine Pause. Erstaunlicherweise hatte ich ohne Passwort Wlan-Anschluss… Darüber hknaus bemerkte ich an einer Wandtafel, dass auch in Lettland Ottokar Domma bekannt zu sein scheint, indem er für Kinderzirkel warb:

Mit allerlei Ablenkungen näherte ich mich dem Ziel, an eine Durschnittsgeschwindigkeit von 23 war natürlich nicht zu denken, 15 oder 16 tuen es auch, nach ca sieben Stunden kam ich gegen 9 Uhr in Kudiga an. Die letzten 30 Kilometer zählte ich exakt mit und erinnerte mich dabei an das Schwimmen von zwei Kilometern auf einer 25 m Bahn, incl. dem Mitzählen der Bahnem

In Kuldiga angekommen „fand ich“ mit der Hilfe zweier Schulmädchen ohne Umwege mein kleines Haus, welches ich nun die nächsten Tage allein für mich benutzen durfte.

Ich war an einem meiner Lieblingsorte angekommen und – wieder mal in einem Bett – sehr gut und tief geschlafen.

In den beiden vorherigen Jahre hatte ich mich stets in den fürsorglich betreuten Liba Apartementhaus sehr wohl gefühlt. Dieses mal war es aber schon ausgebucht und deshalb nutzte ich ein Angebot von den mir aus 2022 Bekannten Elina und Martins. Durch Zufall liegen beide Häuser in der gleichen Straße. So ergab es sich, dass ich bei meinem ersten Spatiergang in die City am Apartmenthaus vorbeiging. Auf dem Hof arbeitete Ainars ein total lieber, freundlicher und privat arbeitender Tischler an der Restaurierung einer Holztür. Er begrüßt mich schon seit dwm letzten Jahr als “ my friend“ . Im vergangenen Jahr erzählte er mir, dass er im Fernsehen ist. Ich hatte seiner Frau die Daten für den 22er Blog gegeben und so verfolgten sie meine Radtour.

Als ich auf den Hof ging, kam mit schnellen Schritten, aus dem im Erdgeschoss befindlichen Laden, eine etwas ältere schwarzhaarige Frau auf mich zu. Ich dachte kurz, was hast du denn schon wieder verbrochen, warum diese Hektik? Sie trat ganz dicht an mich heran und übergab mir etwas. Fast undenkbar, sie hatte ein Brillenetui in der Hand und sagte, hierin sei meine Brille, welche ich in der Wohnung vor mehr als einem Jahr vergessen hatte! Es ist irgendwie fast wie ein Wunder, ich war gerade auf Ainars zu gegangen, da musste sie mich bemerkt haben …

Bei meinem Morgenspaziergang machte mich Bluesmusik auf einen Laden namens KUULE in einer Nebengasse aufmerksam. Ich kaufte schmackhafte Oliven und kam mit der Chefin wegen meiner Radtour ins Gespräch.

Im Districtmuseum von Kuldiga in der Nähe des Schlossparkes sah ich mir eine Aquarellausstellung eines bekannten lettischen Künstlers sowie eine Sonderausstellung zu Plakaten aus der Wendezeit um 1990 an.

Mit der sehr gut deutsch sprechenden Museumsmitarbeiterin führte ich ein intensives und bewegendes Gespräch. Da ich nur zwei Tage bleiben wollte, vereinbarte sie für mich eine Museumsführung außerhalb der Besuchszeit in einem anderen Museumsteil, das sich in einem ehemaligen Bankgebäude befindet. Von einem Balkon im obersten Geschoss der Privatvilla bot sich mir ein hervorragender Blick auf den berühmgen Wasserfall Venta Rumba.

Auf einem Plakat las ich, dass dieses Gebäude auf der Pariser Weltausstellung 1890 ein Teil der russischen Präsentation für Fertigteilhäuser war. Herr Bankert, ein Deutsch-Balte und reicher Werftbesitzer aus Liepaja/Liebau soll dieses Gebäude für seine Gattin von der Weltausstellung direkt weggekauft haben.

Meine Ehefrau Monika hat an diesem 2. Juli Geburtstag und so wollte ich mit einem Gläschen Rotwein auf sie anstoßen und es gab ein kleines heimeliches Abendessen.

Abends kamen Elina und Martins vorbei. Es konnte nur Martins noch länger bleiben, da seine Gattin abends ihre Mutter besuchen mußte. Wir hatten ein sehr intensives und klärendes Gespräch. Ich spürte, dass etwas in der Luft lag. Bei unserem längeren Zusammensein zu seinem Geburtstag am 23. Juni 2022 hatte ich etwas falsch verstanden. Der Aufenthalt eines Teils seiner Familie im Wald auf der Flucht vor den Russen bezog sich nicht auf ihn sondern auf die 40er Jahre. (Ur)-oder Groseltern wurden nach Kasachstan deportiert und erlitten dort schlimme Jahre. Er meinte nur lakonisch, der Alkohol hatte wohl falsch übersetzt. Der ältere Her, den wir ’22 an einem See in der Nähe von Edole besucht hatten sei leider im vergangenen Jahr alleine in der Hütte gestorben. Sein Sohn Kurt war auf längerer Dienstreise und hat bis heute sehr mit sich zu kämpfen, dass er seinem Vater in diesen Stunden nicht helfen konnte.

Wir waren beide zufrieden, dass wir uns miteinander die Gedanken und Gefühle austauschen konnten und er sagte mir, ich verstehe dich jetzt gut, und ein nicht ganz so einfaches Gespräch das alles in Englisch… Wobei eindeutig ist, dass Martins über deutlich mehr Sprecherfahrung und -kenntnisse verfügt.

Der Museumsbesuch am nächsten Tag war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. In dem Gebäude wurden einige Einrichtungsteile aus der ehemaligen Bankära gelassen, wie z. B. die Schalter für die Betreuung der Kunden oder der Tresor. Die Ausstellung gab sowohl einen hervorragenden Einblick in das Kur-sowie das Livland, in die baltische Geschichte insgesamt und beinhaltete aber durch seine sehr hohe Vielfalt immer mal wieder Bezüge zu sich selbst, seien es beispielsweise mechanische oder elektronische Rechenhilfsmittel oder die russische Spiegelreflexkamera Zenit mit dem Sondermodell „Moskva 1980“.

Der Vortrag der Museumsmitarbeiterin war auch deshalb so interessant, weil sie seit Ende der siebziger Jahre bis zur Bankschließung dort arbeitete und nach einer Umschulung ihren Arbeitsort nicht wechseln mußte.

Auf dem Bild sind im Hintergrund die ehemaligen Bankschalter zu sehen. Wie dicht die Bankkunden damals noch neben einander standen… Bankgeheimnis, was ist denn das. Wie mir die Mitarbeiterin berichtete war es damals in der Sowjetzeit sehr gut durchorganisiert. Da auch dieses Gespräch ausschließlich auf Englisch geführt wurde, können auch hier durch unkorrekte Übersetzungen meinerseits unkorrekte Darstellungen nicht ausgeschlossen werden.

In den nachfolgenden Aufnahmen sind z. B. die Vorläufer des Nullzirkels zu sehen. Im Tresorraum sind besondere Schmuckstücke ausgestellt sowie der Völkerkunde zuzuordnende Utensilien.

Im Tresorraum sind wertvolle Schmuckstücke sowie Gegenstände aus der Volkskunde ausgestell.

Auf dem weiteren Spaziergang fielen mir besonders das Geschäft für velozipedi (wer kann sich noch erinnern?) sowie einige wunderschön gestaltete Innenhöfe auf.

Nach zwei Tagen relativer Ruhe und mit tollen Erlebnissen ging es am Donnerstag, den 4.Juli wieder zur Ostseeküste zurück auf den wunderschönen Zeltplatz Zaki, wenige Kilometer nördlich von Jürkalne und 67 km nördlich von Liepaja.

Natürlich nicht ohne eine Verabschiedungsrunde von Liba Apartments. Dabei sah ich, dass Ainers nicht nur mit Holz gut umgehen kann, auch bei Metallarbeiten beweist er sein handwerkliches Geschick. Momentan baut er einen etwas größeren Grill.

Von einer Frau, die im Geschäft mit der Frau zusammen arbeitet, die mehr als ein Jahr meine Brille bewachte, erzählte mir von Ihrem Sohn erstaunliches. Er fährt für ein israelisches Team bei der Tour de France mit. Stolg zeigte sie mir Bilder von der Mannschaftsvorstellung und Aufnahmen mit Rennsituationen.

Der Dankeschön Besuch bei der Museumsmitarbeiterin in der ehemaligen Bankertsvilla gab mir/uns auch die Gelegenheit, der Venta Rumba Adieu zu sagen, für wie lange, das wird nicht mal der liebe Gott wissen…

Bis Jürkalne sind es etwa 43 km, also kein großer Akt dachte ich. Denkst, die ersten 30 km verliefen in sehr hügeligen Gelände mit zum Teil sehr starken Anstiegen. Ich dacht so bei mir, das ist ja fast wie im Thüringer Wald.

Wie bekannt dürfte meinRad mit dem Gepäck so im Bereich von 40 kg liegen. Und es heißt Masse schiebt; dennoch muss durch Beinkraft der Schwung möglichst beibehalten werden. Wenn das nicht gelingt, fällt die Geschwindigkeit sehr schnell ab….Auch heute ist es mir nicht immer gelungen, bergab für den Schwung zu sorgen, der einem fast berghoch rollen läßt. Auf der Insel Rügen ist der Abschnitt zwischen Garz und Kasnewitz ein sehr guter Bereich dafür.

Ich machte also häufiger Pause und die erste gleich nach 16 km an der beeindruckenden Burg in Edole. Bei dem Versuch im vergangenen Jahr war die Burg leider geschlossen und ich war hinterher von der Innengestaltung sowie von der Freundlichkeit des vorwiegend jungen Personals in der Kafeznitza/Kaffee begeistert. In der Burg befinden sich auch ein Museum und ein Hotel. Ich fand nicht nur ein Kaffee vor, sondern ein hervorragendes Restaurant mit sehr niedrigen Preisen. Das Ventspilsr Bier hatte ich vor zwei bei meiner 170 km Tagestour getrunken und das Beef auf Rotweinsoße mit grünem Salat mundeten hervorragend undvesvkostete zusammen nicht einmal 20 €, Erstaunlich war, dass auf meinen 50 € Schein nicht sofort ausgegeben werden konnte. Es musste vermutlich erst im Burghotel gewechselt werden.

Etwa 9 km weiter befindet sich in Alsunga die nächste Burg. Sie wurde bereits bei dem Besuch voriges Jahr mit Monika renoviert. Nun waren keine Handwerker mehr in den Räumen sondern im Innenhof waren einige Bühnenbauer, Licht- und Tontechniker mit dem Aufbau einer großen Bühne beschäftigt. Vom 5. bis 7. Juli wird dort ein großes Musikfestival BURDONA FESTIVALS mit mittelalterlicher regionaler Musik durchgeführt. Gruppen aus allen baltischen Ländern treten hier auf. Wer sich dafür interessiert, bei „you tube“ sind Beiträge abrufbar. Kurzzeitig überlegte ich, dieses Highlight auch zu besuchen. Ich entschied mich aber, beim ursprünglichen Plan zu bleiben.

Eine gute Stube von einem wohlsituierten deutsch-baltischem ehemaligen Besitzer.

Erstaunlich war für mich zu bemerken, zwei Burgen gut zehn km entfernt voneinander, eine als Hotel reich ausgestattet u.a. mit Trophäensammlung eine andere mit viel Engagement der örtlichen Bewohner mit wenig Finanzmitteln ausgestattet und liebevoll rekonstruiert. Eintritte für Erwachsene 1,23 € und für Senioren sowie Kinder ab 8 Jahren 0,83 € !

Auf dem Campingplatz Zaki in Jürkalne wurde ich freundlich von der Tochter Luize der Betreiberfamilie Svilpe begrüßt. Sie hat inzwischen ihre High School Ausbildung am Kunstgymasium in Liepaja erfolgreich abgeschlossen und arbeitet an verschiedenen Möglichkeiten zur Veröffentlichung ihrer sehr schönen Kunstfotos. Wie vielleicht bekannt ist, durfte ich freundlicherweise in meinem Büchlein “ BALTIKUM GANZ NAH“ einige Fotos vom Mittsommernachtsfest 2022 verwenden. Ich schenkte Ihnen ein Exemplar und wie ich bemerkte, steht es in Ihrem Buchregal und, es wird wohl häufig darin geblättert.

Die Chefin begrüßt freundlich Gäste und zeigt Ihnen einige Kunstfotos von ihrer Tochter.

Ich war sofort von der wunderschönen Landschaft und von der Gestaltung des Platzes eingenommen, irgendwie ist es auch in gewisser Weise etwas wie zu Hause…

Ich nahm natürlich in der stürmischen See ein erstes Bad, nachdem ich in meinem neuen kleinen Haus Quartier bezogen hatte. Es sollte in der Nacht etwas stärker regnen und so bot mir Herr Svilpe diese Übernachtungsmöglichkeit an.

Der WLAN Anschluss war hervorragend, und so konnte ich mich mit Google Maps über eine günstige Route nach Rietavas/Litauen zu Valdas informieren.

Am nächsten Tag, Freitag, den 05. Juli, erkundigte ich mich bei Frau Svilpe über die Qualität der Fahrstrecken. Sie wies darauf hin, dass auf der kurzen Strecke über Riva und Äižpute mit ca. 40 Kilometern Sand- und Schotterpiste zu rechnen sei. Und das wäre mit dem alten Fahrrad und dem vielen Gepäck nicht zu empfehlen. Sie meinte, dass über Liepaja ca. 20 km mehr zu fahren wären. Die ca. 15 km lange Schotterpiste kurz vor ihrer Geburtsstadt Priekule würde für beide Fahrstrecken zutreffen.

Es übernachtete wenige Meter von mir in seinem Zelt noch ein zweiter Radler. Es ergab sich ein kurzes Gespräch. Ich sprach ihn auf Englisch an, worauf er sofort erwiderte, Sie können mich ruhig in Deutsch ansprechen. Er kam aus dem Schwarzwald, war etwas jünger als ich und nach einer Busanfahrt ins Baltikum wollte er, wenn ich mich richtig erinnere, beginnend in Kaunas weiter über Kuldiga, Riga bis Tartu und Narva, an der Nordküste Estlands direkt benachbart mit der Russischen Föderation. Möglicherweise stattet er auch den estnischen Inseln am Ende des Rigaischen Meerbusens einen Besuch ab.

Er wohnte ursprünglich in der Eiffel und lernte seine französische Gattin beim Radfahren kennen. Nun sei sie leider nicht mehr körperlich in der Lage, „längere“ Strecken zu radeln, was auch längere Strecken für den einen oder anderen bedeutet… Ich erwähnte auch meine 22 er Radtour und das Buch. Er blätterte etwas darinnen und bemerkte dann mein Fahrrad.

Kurze Zeit später verließ ich ebenfalls diesen magischen Ort. In der Ortschaft Labrags sollte der Abzweig nach Riva und damit die kürzere Strecke sein. Ich dachte, wenn diese Abfahrt nicht einmal einen Wegehinweis verdient, dann müsse ich auch nicht riskieren, da lang zu fahren. Und plötzich, hinter dem Ortsausgangsschild , steht ein großes blaues Hinweisschild mit der Aufschrift RIVA 8km. Ich konnte nicht anders, kurzer und spontaner Entschluß, links abbiegen!

Ich spekulierte damit, dass sich mein Rad bei schwierigeren Wegeverhältnissen durch den längeren Radstand stets gut bewährte; aber was ist mit den ca. 18 kg Gepäck? Für den Entschluß sprach auch, dass ich bisher auf der Küstenstrasse ständig Gegenwind hatte, die Strasse bog rechtwinklig in den Wald ab. Also, neben der 20 km kürzeren Strecke ein weiterer, zumindest zeitweiser, Vorteil.

Ich kam gut voran und erreichte Riva, nein nicht Riva sondern einen Wegehinweis zum Dorf an den gleichnamigen Fluss. Übrigens, Riva… wem klingeln da nicht die Ohren? Luigi „Gigi“ Riva, ein begnadeter Stürmer und Torschützenbester Italiens. Er schoß Deutschland bei dem Jahrhundertspiel zur WM 1970 in Italien beim 4: 3 mit seinem Tor in der Verlängerung aus dem Turnier. Er starb leider im Januar 2024 an den Folgen eines Herzinfarkts in seiner sizilianischen Heimat.

Ich überlegte kurz, noch zum Ort zu fahren. Glücklicherweise hielt ein ÖAutofahrer auf mein Zeichen hin an und sagte, dass dort nur noch wenige Häuser bewohnt wären und dass es auch keinen Einkaufsladen geben würde. Im nächsten Ort Apriki sei ein Laden. Den nutzte ich zu einer ersten Pause.

Ich setzte mich auf einen kleinen Holzstuhl, wohl eher für Kinder geeignet. Plötzlich knackte es und die Lehne entfernte sich von der Sitzfläche:

Es tat mir Leid, war aber nicht zu ändern. Der nächste Ort war Ãizpute, in der auf einem Hügel eine gewaltige Burgruine thronte. An einer Straßenkreuzung sah ich ein interessantes Radwegehinweisschild. Ich war fast den ganzen Weg zwischen Küstenstrasse und hier auf einem gekennzeichneten Radweg unterwegs, ohne dass es vorher irgendeinen Hinweis darauf gab und dann noch diese Schotterpiste!

Ich weise aber noch zwei Besonderheiten: Ich bemerkte mehrmals, dass Einheimische nicht den lettischen Namen benutzen sondern den deutschen Hasenpoth. Das traf ich bisher nur bei Kuldiga/Goldingen an. Und die zweite Sache war, dass das Rathaus mit grossen chinesischen Drachen über die gesamte Hausfront geschmückt war. Ist hier schon die erste Kommunenübernahme im Baltikum durch China geplant oder …?

Ich muss aber unbedingt weiter und darf mich nicht so mit Kleinigkeiten beschäftigen. Plötzlich sehe ich am rechten Strassenrand versteckt in einem Gebüsch eine junge Kuh beim Fressen. Ich dachte so, angesichts meiner derzeitigen Anstrengung in sehr hügeligem Gelände mit mehreren Schwestern der “ Steilen Wand von Meerane“,: Wie gut hat sie es – im Gegensatz zu mir – fressen, saufen, schlafen und ..?

Plötzlich fühlte sie sich offensichtlich belästigt, lief zurück zu ihrer Herde um Hilfe anzufordern.

Und sie kamen auch! Ich hatte noch nie soviele verschiedenfarbige Kühe auf einer Weide gesehen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass vielleicht so mancher denkt: Hat er sie nicht mehr alle? Erst zerstört er die Ruhezone eines Lebensmittelladens, dann sieht er mitten in Europa chinesische Drachen… Was wohl noch so kommen mag?

Fahrt ihr mal so scheinbar sinnlos Tage lang auf irgendwelchen Strassen herum, da wollen wir mal gucken, was mit einem passiert. Aber bitte, keine Angst um mich haben, ich bin extrem auf Sicherheit bedacht, denn ich will auf keinen Fall auf eines meiner Knieprothesen fallen und auch niemals …

Was schreib ich denn jetzt, denn nach einigen Kilometern blieb mir nicbts anderes übrig, als mit dem Rad die Autobahn A 9 von Liepaja nach Riga zu befahren. Ich wollte dieses Risiko minimieren, verpasste aber diese quer verlaufende Schotterpiste. Die ich ursprünglich nördlich von Kalvene nehmen wollte, diese war aber leider falsch.

Die „Autobahn“ war aus unserer Sicht keine richtige Autobahn, zweispurig und nicht nur für Kraftverkehr zugelassen, da kein Verbotsschild für Fussgänger oder Radler zu sehen war. Ich bemerkte sogar ein kleines Holzhäuschen neben dem Fahrbahndamm, für vielleicht 2- 3 Personen. Man kam zum Pausenplatz nur über die Strasse! Für Autofahrer nicht geeignet, da kein Parkplatz vorhanden war, nicht einmal ein Fahrradständer. Es war ziemlich starker Verkehr von LKW’s. Manche fuhren ganz dicht an mir vorbei. Ich fuhr nur rechts von der Sperrlinie. Mir saß die Angst auf den ca. 15 km in den Gliedern.

Plötzlich kam der Abzweig nach Priekule. Der Asphalt wechselte auf sehr schlechte Schotterpiste und da es vorher sehr stark geregnet hatte, sank ich in den Bereichen mit Sand deutlich ein. Es war wieder sehr hügelig und ich schob das Rad einige Male. Irgendwann erreichte ich nach etwa 80 km den Ort Priekule. Ich stellte fest, dass es keine offiziellen Übernachtungsmöglichkeiten für Fremde gab und so schaute ich mich um. Ich suchte mir einen vermeintlich kleinen öffentlichen Sport- und Spielplatz aus. Als ich mich dort zu schaffen machte, erschien ein Mann mit zwei Jungs , im Gefolge. Er wollte wissen, was ich hier auf privatem Gelände wolle. Ich erklärte ihm meine Situation und er willigte ein, dass ich mein Zelt aufstellen könne. Er sagte ich sei nicht nur der erste ausländische, sondern auch insgesamt der erste Camper überhaupt auf seiner Fläche. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er in seiner Firma aus Dänemark kommende OLDIE CARS restaurieren würde. Die Kinder Theo und Hugo, ja ihr lest richtig, bereiteten ein Lagerfeuer vor. Der Vater zeigte mir seine Firma und vor Samstag kam ich nicht zum Schlafen. Wir fachsimpelten und seine Frau brachte für mich ein Abendbrotsandwich vorbei, als sie die Kinder abholte.

Da ich noch so ca. 80 km bis Rietavas vor mir hatte, ass ich Frühstück und versuchte die Zeltplanen in der Morgensonne trocken zu bekommen, da es gegen morgens geregnet hatte. Ich habe noch nicht erwähnt, dass für mich eine Toillette, Wasser, Sitzgelegenheit und sogar Stromanschluß vorhanden war.

Nach ca. 14 km überfuhr ich auf einer Brücke, die einen Bach überwand sie Grenze von Lettland nach Litauen. Die Fahrt verlief ohne weitere Höhepunkte bis am Ausgang eines Kreisverkehrs hinter Plunge ein blauer Pickup an einer Bushaltestelle anhielt. Das Auto kam mir bekannt vor! Es hielt VALDAS.

Er hatte ab vormittags ein größeres Tischtennisturnier und kam auf die Sekunde genau richtig an. Er sagte, dass er auf der anderen Strasse eine Radfahrer sah, auch mit viel Gepäck; das könne doch Reinhard sein… Wir begrüßten uns herzlich und er fragte mich, ob er mich mitnehmen solle. Ich dachte, ob ich nun die 20 km noch fahren würde. Genug sei es auf jeden Fal, und so können wir länger zusammen sein.

Er brachte mich zu dem von Monika und mir bereits im vergangenen Jahr bewohnten Hotel MUSKATAS. Uns gefiel die sehr freundliche und zuvorkommende Bedienung sowie die hervorragende Küche. Das belgische (?) Bier Grünbergen hatte ich hier 2022 erstmals getrunken und es schmeckte mir hervorragend.

Abends gabs mit Valdas noch einen kleinen Plausch parallel zum Elfmeterkrimi der Engländer gegen die Schweizer. Wir verabredeten uns, dass wir am Sonntag Nachmittag etwas gemeinsam verbringen wollten.

Als wir losfahren wollte, kam eine sehr große Gruppe von Kindern in das Restaurant, einige in Tarnkleidung, wie es bei Armeen üblich ist. Valdas sagte, dass sie eine Woche im Wald gelebt hätten und wegen starken Regens die ursprünflich vorgesehene Zeit verkürzen würden. Valdas kannte den Leiter sehr gut und so bat er mich, bei Ihnen Platz zu nehmen. Fotografieren durften wir auch. Der Sohn des Chefs kam auch mit seinwr Mutter vorbei. Er „mußte“ den Neuen etwas beschnuppern. Meine Erzählungen über meine Reise wurde mit sehr viel Erstaunen und Interesse aufgenommen.

Valdas fuhr mit mir an seiner Firma vorbei und nach Tauravas, in dem er als Kind 9 Jahre wohnte. Er zeigte mir seinen früheren, 4 km langen Schulweg, den er mindestens nachmittags immer ging. Wir fuhren direkt zu seinem Haus, welches er mit Eltern und Geschwistern bis 1981 bewohnte. Der jetzige Bewohner Petras war ein enger Freund seines Vaters und wohnte ursprünglich im Nachbarhaus. Valdas fragte auch die Ehefrau Vincenta ob er mal kurz mit seinem deutschen Gast herein kommen könne. Da sie sich viele Jahre nicht gesehen hatten, mußte Valdas ausführlich über seine Firma berichten. Es gab auch viel zu erzählen, wie es nun den Kindern gehen würde. Über mein Tun waren sie sehr erstaunt, nicht nur auf das Rad bezogen. Den Wunsch die Heimatstadt des Vaters zu besuchen überwog gegenüber dem Sachverhalt, in russisches Gebiet zu fahren.

Nach diesem Besuch fuhr Valdas zu einer Wasserquelle. Nachdem ein hiesiger Arzt auf die enorme Heilwirkung des Wassers durch sehr viel enthaltende Mineralien aufmerksam machte, ist vor kurzem mit Unterstützung von Finanzquellen aus der EU begonnen worden, das, vor Jahrhunderten rituellen Zwecken dienende, Gebiet touristisch zu entwickeln. Zum Teil konnte der neue Weg schon benutzt werden, es ging aber auch noch direkt an der Bachsohle entlang, was nicht ganz ungefährlich war.

Mit einiger Mühe erreichten wir die Quelle, bei der Valdas vorher noch nie war.

So ging ein wunderbarer, ereignisreicher Tag zu Ende, auch komp,ett ohne zu radeln. Morgen wollte ich aber bei Valdas in der Werkstatt fahren, um das Rad von dem vielen Schmutz zu befreien. Danach will ich in die gleiche Gegend radeln, Valdas erklärte mir, wo es einen Badesee geben würde.

Abends war ein entspanntes Tischtennisturnier vereinbart bevor es am Dienstag in die Nähe der Memel gehen würde. Bei einem Telefonat mit meinem Freund Günther nahm er bezug auf den Ausspruch , der um 1806 in Berlin gekreist sein sollte: “ Unser Demel flieht nach Memel.“ Unter der Gefahr der Einnahme von Berlin floh der preussische König Friedrich wilhelm III. mit seinem Hof nach Ostpreußen.

Der nachfolgende Kartenausschnit stellt sowohl die Strecke von Jürkalne nach Rietavas dar, aber auch die noch zu bewältige Strecke bis zum Grenzfluss von Litauen zum Kaliningradski Oblast. Wahrscheinlich werde ich im Bereich dieses Flusses von Dienstag zu Mittwoch auf einem Zeltplatz oder … übernachten und dann sehen, auf welchem Weg ich die Grenze passieren kann. Eine Möglichkeit wäre die Luisenbrücke, die hinüber führt nach Sowjetsk/Tilsit. Diese Stadt ist nicht nur bekannt für den Tilsiter Käse sondern mit dem Tilsiter Frieden wurde der vierte Koalitionskrieg zwischen den europäischen Großmächten 1806/07 beendet.

Heute am Montag, den 08. Juli, war ein Ruhetag angesetzt. Was heißt Ruhetag, es waren einige interessante Tage im Block festzuhalt, einige Säuberungen vorzunehmen: Das Rad war von den vielen Sandtouren bei Regen völlig verdreckt, wie meine Schuhe nach der Wanderung mit Valdas zur Wasserquelle ausgesehen haben, ist sicherlich vorstellbar und Wäsche waschen muß ja auch mal sein. So nutzte ich bei Valdas in der Firma die Mög,ichkeiten zum Auffrischen des Rads.

Auf dem Weg zurück in die Stadt ergab sich die Möglichkeit, die auf einem Hügel angelegte Stadt in Angesicht zu nehmen.

Ohne die Geschichte von Rietavas zu kennen, scheinen ihre Gründungsmotive ähnlich zu sein wie bei meiner Thüringer Geburtsstadt Hidburghausen. Während eines Praktikums innerhalb meines Greifswalder Geographie-Lehrerstudiums ein Praktikum zu Hause, im Fachbereich Siedlungsgeographie mit dem Ziel der Abgabe eine Studienarbeit. Hildburghausen wurde im 12. Jhd. an der Salzstrasse von Nürnberg nach Leipzig an einer Furt des Flusses Werra angelegt.

Ich bin auch gespannt, wie es heute Abend mit dem Tischtennisspielen laufen wird.

Ich werde morgen früh versuchen, zeitig loszufahren. Es besteht nämlich-trotz der ca. 100 Kilometerstrecke – die Chance, bereits in Sowjetsk mein Quartier aufzuschlagen… Merkt ihr das Prickeln, vielleicht Unsicherheit, ein bißchen Bammel vor dem Künftigen. Die Gründe, warum etwas nicht so gewollt laufen kann, werden doch vielfältiger und möglicherweise nicht nur von einer Seite der Grenze…

Wie sich ursprüngliche Pläne oder Hoffnungen ändern können… Heute ist Mittwoch, der 10. Juli und ich bin immer noch in Litauen, im Land der Störche und im Land der freundlichen Menschen. Wieso das?

Meine Tagesetappe für den Dienstag war im günstigsten Fall bis Panumene, der Grenzstadt an der Memel und gegenüber, vetrennt durch die Luisenbrücke , liegt das ehemalige Tilsit heute Sowjetsk 79 km lang. Ich bin gestern ungefähr 92 km gefahren und dennoch fast 60 km von der Grenze entfernt… Ich nenne diese beiden Umwege mal nicht Abkürzungen. Bei Google Maps kann man hier keine Fahrradruten planen, nur Auto oder Fußgänger. Ich hatte mich für Fußgänger entschieden! Es ist aber ohne WLAN, Google Map oder einer sehr guten Karte fast unmöglich, die kleinen Orte zu finden, die in der Google Maz Planung gescreent sind. Bei Śilale habe ich das gestern nach meinen Umwege mit der Ortschaft Vingininkai intensiv versucht.

Auf den Umwegen sah ich tolle Landschaften und kleine Dörfer

In Śilale faszinierende mich erneut der prächtige Kirchenbau. Aber noch mehr nahm mich der Stadtsee in Besitz. Wahrscheinlich wäre ich auch dann hinein gesprungen, wenn am Seenrand keine kleinen Umkleidegebäude gestanden hätten.

Mein Versuch, den in der Google Map Karte vorgegebenen Streckenvorschlag zu nutzen, hätte wieder in eine Sackgasse geführt, wie mir eine sehr freundliche Familie verriet.

Der Chef des Hauses Juosas, wie ihr richtig vermutet Johannes, sagte wir haben ein separate Schlafmöglichkeit, sei unser Gast. Es entstanden auf englisch und russisch mit der 85-jährigen Oma mit der Ehefrau Edita sowie den 12. und 10. Klässlern Titas und Rohas sowie einem Arbeitskollegen von Juozas intensive Gespräche. Mit dem Rad wurden mehrer Ehrenrunden gedreht und hervorragend bewirtet. Dem Alkohol wurde glücklicherweise nur eingeschränkt gehuldigt, da früh auf Arbeit häufig Null Komma Null, Alkoholkontrollen durchgeführt werden.

Es war fast niedlich anzusehen, wie die Gattin Edita ihrem Mann half, den neuen Kontakt mit mir anzulegen.

Viel Spass bereiteten die Proberunden mit dem DIAMANT und es musste natürlich intensiv in Augenschein genommen werde.

Die beiden Jungs haben mir dieses prächtige Frühstück serviert.

Wir haben uns recht intensiv über deren Schul- und über meine Lehrerzeit ausgetauscht. Mit großem Interesse lauschten sie meinen Worten, in denen ich die mündliche Deutsch-Abi-Prüfungsszene von Enkel Eddi mit der Textstelle von Turgenjew sowie dem Treffen zwischen einem bettelnden armen Greis und einem jungen Mann beschrieb.

An deren Computer habe ich diesen Blog aufgerufen und mit großer Überraschung feststellte, dass innerhalb weniger Sekunden das Deutsch in Litauisch übersetzt wurde. Ich dachte dabei, was macbt er wohl mit meinen zu zahlreich vorkommenden Tippfehlern? Der „Mann“ oder auch eine Frau, sh. oben muss ziemlich intelligent sein…

Nun ist es schon wieder kurz vor 12 und die Außentemperatur geht scbon wieder auf die 30 Grad zu. Was soll’s, keiner schenkt mir weniger Kilometer; noch vor dem Abend werde ich, nur Hauptstraßen benutzend, auf der Luisenbrücke stehen!!! Vielleicht habe ich auch jetzt ein paar Tage Sendepause, was so verschiedenartige Gründe haben kann: ……….

Nun gings auf der 164 nach Tauroge mit 29 km. Ich „bummelte“ etwas, die Hitze und der nicht leichte Abschied von dieser liebenswerten Familie fiel mir schwer. Ein bißchen wird es auch ein Abschied von Litauen sein.

Einen Ort vor Taurogge konnte ich eine Maschine bewundern, die gerade einen Kanal unter einem Weg vorantrieb. Vielleicht hat Valdas diese verkauft und sorgt sich mit seinem Service um sie? In T. angekommen kam auch gleich mein Tagesetappenziel in meinen Blickpunkt.

Von Taurogge war ich sehr positiv überrascht. In der zentralen Busstation war auch ein Touristeninfo integriert. Zu meinen, wie z. B. kann ich mit dem Rad die Grenze an der Luisenbrücke zwischen Panumene und Tilsit passieren, hatte sie nur eine Antwort: Täglich fährt um 12.45 Uhr ein Bus nach Panumene; er nähme auch Fahrräder mit. Selbst dahin zu fahren, schien ihr bei 32 Grad Celsius unvorstellbar.

Ich hatte aber free WLAN und Strom und konnte mich im klimatisierten Raum etwas erholen. Es ging auf der Atobahn vorbei an einer alten und gewaltigen Burg, geschückt mit einer riesigen Hirschskulptur. Ich nahm ein Restaurant ZUR BURG wahr, wo ich kurz entschlossen um 17 Uhr Abendbrot essen wollte. Ganz tolle Bluesmusik und eine nette junge Kellnerin hatten mich empfangen. Das Essen schmeckte hervorragend, dem Rad immer einen Blick schenkend.

Ich kam auf die Idee sich vielleicht um Unterkunft in Tilsit zu kümmern. Einen Campingplatz wird es dort nicht geben und an der Memel wild zu zelten entfiel völlig, wie leicht nachzuvollziehen ist. Beim zweiten Versuch klappte es im obchodni dom. Ich kündigte mich mutig zu gegen 21 Uhr an.

Am Ortsausgang von Taurogge bemekte ich rechts von einer Brücke einen Stausee sogar mit Badenden. Den Wunsch, sich ihnen anzuschließen, verwarf ich in Sekunden. Könnte ich doch nach 34 km an der Memel sein! Es gjng erstaunlich schnell voran. Etwa 10 Kilometer gab es außerhalb der Stadt ejnen separaten Radweg und die Straße war zudem sehr breit und erhielt vor kurzem einen neuen Asphaltbelag. Die Straße war extrem gering befahren und so kam ich unter 2 Stunden vor Panumene an.

4. Ins Land der Vorfahren

Die litauischen Grenzanlagen kündigten sich mit großen Kontrollgassen an, ich entschied mich, nach links abzubiegen in Richtung neuer Autobrücke. Es war niemand zu sehen und auch alle Schalter unbesetzt. Mit dem Rad könne ich aber immer vorbei! Kurz vor der Memel war zu sehen, dass dieser Weg total außer Nutzung war. Hier auf den geplerrten Strassen ejnfach weiter zu schieben, fiel selbst mir nicht ein. Also zurück. Wieder 7 km umsonst gefahren.

An der Luisenbrücke wieder das Gleiche! Soll wieder alles umsonst gewesen sein. Ein Einheimischer sagte mir aber, mit Rad ist die Grenze passierbar. Nun kümmerten sich drei litaische beamte und sechs russische um mich, vorwiegend weibliche. Es lief sehr freundlich ab, aus dem Büro nahm ich sogar leichtes Schäkern war. Auf der russischen Seite wurde drei Mal (!) fast das gesamte Gepäck gechekt. Selbst die scbwarze Drgenspurhündin Darja fand nichts! Nur das Gestänge des Eib-Mann-Zeltes verunsicherte die russische Kontrolleurin etwas, sie gab sich aber mit meinen Äußerungen zufrieden.

Es machte schon einen sehr martialischen Eindruck, nicht nur auf der russischen. Der Zuweg zur Brücke war mit Maschendraht nicht nur seitlich, sondern auch gewissermaßen als Dach völlig hermetisch abgeschirmt!

Vor dem Brückenbeginn ist das zu erkennen. Der russische Zollhauptmann interessierte sich sehr für mein DIAMANT. Was müsse man bezahlen und was ich damit täglich fahren würde. Ich sagte, 50 Mark der DDR 1973 bezahlt. Damit verriet ich ihm nicht nur, wo ich lebte sondern auch, dass zollmäßig hinsichtlich des Rads nichts zu holen sei. Er wollte sich genauer auf russisch über Einfuhrbestimmungen unterhalten. Mit meinem Hinweis, letzter Russischunterricht 1969, war ihm klar, dass er es wohl mit freundlichen Grüssen für eine glückliche Weiterreise belassen müsse.

Vor dem „obchodni dom“ wartete noch ein weiterer Radler, Wladimir. Er wohnt in Königsberg und befuhr sein Oblast, vorwiegend im Zelt wohnend. Da für diese Nacht Starkregen angekündigt wurde, stieg er auf Festunterkunft um.

Heute werde ich mit ihm Tilsit besuchen. Übrigens, ich hatte hier noch nie den Städtenamen Sowjetsk gehört. Selbst wenn einer Kaliningrad sagt, wird sofort korrigiert KÖNIGSBERG. Auch viele Russen sind wohl dabei, ihre sowjetische Vergangenheit abzulegen.

Zum Frühstück gab es erstmalig bei mir Burger, den Anna, die freund,iche Hotelmitarbeiterin kurz zuvor beim Nachbarn holte. Sie verriet mir auch, dass heute Abend die Disco im eigenen Haus bis morgen früh zum Tanz einlädt.

Wladimer hatte die Fortsetzung seiner Königsberger-Oblast-Rundfahrt vorgesehen und wollte mich früh aber noch zu einer Bank bringen. Dabei sind wir in den nächsten Starkregen gekommen. Hierbei sahen wir die russische Variante der Oberflächenwasserbehandlung.

Nach dem Bankbesuch konnte ich mir nun auch ein paar Wünsche erfüllen, wie z. B. original russisch essen. Da wäre doch …

…Borschtsch geeignet. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich dieses Gericht letztmalig gegessen hatte.

Was macht man noch in Tilsit? Zunächst fällt mir die berühmte Luisenbrücke ein.

Die letzte Aufnahme zeigt ja einen etwas ungewöhnlichen Blick. Wer mich ein bißchen kennt, der vermutet, dass ich in der Memel geschwommen bin.Zunächst glaubte ich nicht daran, dass das in einem Grenzfluss möglich sei. Als ich über die Brücke gestern lief, sah ich Personen bereits dort baden.

Was ist noch aus Tilsit bekannt neben dem Tilsiter Käse? Ich erwähnte bereits den Tilsiter Frieden. In einem wunderbaren Museum wird die Rolle der preußischen Königin Luise von Mecklenburg-Strelitz hervorragend gewürdigt.

Als Besonderheit zeigte mir die Museumsmitarbeiterin einen Thronsessel von Luise, dessen Sitzfläche auch hochgeklappt werden konnte und auch in einem Boudoir Verwendung fand.

Der Film über den Tilsiter Frieden und die Verbindung von Königin Luise zu diesem Landesteil Preußens wurde in einem, dem Stil der damaligen Zeit angepaßtem, Raum gezeigt, der mit einem Baldachin überdacht war. Die freundliche Dame brachte mir einen Mokka mit Gebäck. Wo hat man das sonst noch? Schließlich hatte ich ja 500 Rubel für den Eintritt und 150 für eine Kunstpostkarte bezahlt, übrigens fast so viel wie das drei Gänge Menue zum Mittagessen. (zur besseren Orientierung sei noch vermerkt, dass ich auf der Bank für einen Euro 95,38 Rubel erhielt).

In dem in deutsch besprochenen und gemeinsam mit dem Förderverein des Schlosses Hohenzieritz erarbeiteten Video wurde ausführlich auf die Sommerresidenz der Mecklenburg-Strelitzer Herzöge und deren Familiengeschichte verwiesen. Desgleichen wurde ein Museum in Zelenograd erwähnt, das die dramatische Flucht der schwer erkrankten Luise im Winter 1806/07 von Königsberg nach Memel/Klaipeda sowie ihr enges Verhältnis zur deutschen und litauischen Bevölkerung des Memellandes beschreibt. Vielleicht kann ich diesen Ort bei meiner weiteren Planung mit einbeziehen?

Das Hotelzimmer kostete mit Frühstück 2600 Rubel. Auf Wunsch bekam ich früh eine Kanne Tee plus Mineralwasser gereicht, und das ohne zusätzlich berechnet zu werden …

Kurzentschlossen beschloss ich abends, selbst auf einen Kurzbesuch der Diskothek zu verzichten und mich für die anstehenden Tage zu sammeln und zu recherchieren. Es regnete über Nacht sehr stark und ich dachte an Wladimir, wie er wohl die Nacht im Zelt überstehen würde. Ein ereignireicher, und radbezogen nicht so anstrengender, Tag neigte sich dem Ende zu.

Der Routenplaner schlug mir zwei Varianten nach Insterburg vor, eine 61 km lange zunächst der Hauptstraße in Richtung Königsberg folgende und eine andere dem Memelfluss folgende und 68 km lange Strecke. Diese hatte gestern Wladimir gewählt und zunächst durch das Städtchen Njemen führen. Erstaunlicherweise gibt es bei Googel keinen Hinweis auf diese Stadt ich erfuhr lediglich, dass im russischen Sprachgebrauch der Fluss Memel bezeichnet wird als Njeman. Da schwirrte mir noch die Bezeichnung Normandie-Njemen im Kopf herum, was verbindet die nordfranzösische Provinz mit diesem Fluss oder mit dieser Stadt?

General Charles de Gaulle organisierte Anfang der 40er Jahre den französischen Widerstand gegen das nazistische Deutschland. Im März 1942 vereinbarte er mit der Sowjetunion, dass die in Syrien befindliche französische Fliegerstaffel auf Seiten der Sowjetunion gegen Deutschland kämpfen wird. Diese Einheit erhielt den Namen „Normandie-Niemen“ und wuchs auf Geschwadergröße an. In ihr kämpften insgesamt 100 französische Piloten.

Ich entschied mich dazu, die Niemen -Variante zu nehmen und vielleicht nach Spuren aus den 40er Jahren zu suchen. Dafür sprach auch, dass ich nächste Woche auf der Fahrt von Insterburg nach Königsberg einen Großteil der anderen Routen befahren werde.

Am Freitag Morgen verabschiedeten sich Anna und ein jüngerer Hotelmitarbeiter sehr freundlich mit einem „dobro pützsch“ (guten Weg) von mir. Sie zeigten mir die Stätte gestrger/heutiger nächtlicher Vergnügungen. “ Warst du zu müde, um mit uns zu feiern…?“

Sogar mit Stangen für „specially acts“ und einer Art „Vorführring“

Bei einer gestrigen Ankunft in Insterburg sah ich auch eine Bar mit der Bezeichnung MATHEON , wohl eine russische Kette?

Durch Tilsit fuhr ich langsam und gemütlich, wie man es auch auf den teils furchtbarsten Straßen machen kann. Es gab einen Sicherheitsvorteil, das grobe Kopfsteinpflaster mit seinen Löchern und mit den Straßenseen auf auf breitesten Boulvards verteilt.

Stadtauswärts kam ich auf einen, erst vor kurzem, aufgetragenen Asphalt und das blieb bis zum 68 km entfernten Insterburg. Es gab auch kaum Chancen für „Abkürzungen“ wie in Litauen, da ich ca. 40 km ab Uljanowo immer dem Instertal flußabwärts auf der Westseite folgte. Und das war, selbst für mich, einfach.

In Niemen entdeckte ich keine Hinweise bzgl. der Jagdfliegerstaffel Normandie/Niemen. Aber, auf einem kleinen Wochenmarkt sprach mich ein Mann an. Ich war ziemlich erschrocken und wirklich baff! In einem unbekannten Land, einer unbekannten Stadt werde ich erkannt. Gestern hatte ich keinerlei Kneipen- oder Straßengespräche…

Wer hat eine IDEE ?

Als ich auf der russischen Seite der Luisenbrücke die Einreisekontrollen fast abgeschlossen hatte, sprach mich ein Offizier wegen des Oldierades an und fragte, wieviel hast du fürs „veloziped“ bezahlt und wann? Er war sehr erstaunt über meine Antwort: „50 Mark der DDR im Jahre 1973.“ Es war nun auch klar, dass zolltechnisch wohl gar nichts zu machen sei. Er wusste sogar noch, wohin und aus welchem Grund ich Insterburg besuchen würde. Ich kaufte bei ihm ein paar Auberginen und einige besondere und schmackhafte Tomaten von einer neuen Sorte.

Auf der weiteren Fahrt durchfuhr ich nur einen etwas größeren Ort Uljanowo, wahrscheinlich benannt nach Lenins Geburtsstadt. Am Ortsanfang sah ich rechts eine Heldenalle mit vielen Fotos, Blumen und Stelen . Es leuchteten bald danach zwei hellblaue in der Sonne leuchtenden hellblauen Kuppeln einer russisch-orthodoxen Kirche.

Zwei ältere Damen waren nach eingem Zureden bereit, mir das Innere des sakralen Baus zu zeigen.

Ab Uljanowo sah ich auch wieder einige Störche und ab diesem Ort fuhr ich am rechten Rand des Instertales bis zu meinem Ziel. Es mehrte sich am Straßenrand die Pflanzen unseres Namens, fast wie zu meiner Begrüßung. Mit einigen Pausenn am Straßenrand kam ich meinem Ziel schnell nahe.

Ich quartierte in Insterburg im besten Haus Hotel KUTSCHAR, direkt an der ehemaligen Hindenburg- jetzt Leninstraße ein. So war es nicht weit, um der Stadt abends einen ersten Besuch abzustatten. Und ich war total überrscht, es gab mehrere Fußgängerbereiche, separate Geh- und Fußgängerbereiche und sehr viele rekonstruierten Häuser und viele toll gestaltete Parks. Das mit den Parks erwartet man ja schon von Russland,. Was ich aber sah, übertraf völlig meine Vorstellungen.. Um den Schloß- und den Stadtsee führte eine beleuchtete Fahrradrunde und vielartige Spielvarianten zogen Kinder, Jugendliche und Familien an. Über die Inster führten mehrer Brücken u.a. eine sehr wacklige Fußgängerbrücke, die ich bei meiner Anfahrt mit Gepäck gerade so überqueren konnte.

Für den nächsten Tag, Samstag, den 14.07., entschloß ich mich, die Stadt zu erwandern.

In herrlicher Umgebung, dem Stil des beginnenden 19. Jahrhunderts angepaßt, genoß ich das Frühstück. Vor mir die damalige Hindenburgstraße in historischer Ansicht mit Tramwai. Heutevexistieren nur noch die Oberleitungen. Auf meine Bitte hin wurden auch die am Vortag gekauften Auberginen gegrillt.

In der Touristeninformation, in der Pionierskaja Ulitza gelegen, erfuhr ich den jetzigen Namen der Simon-Dach-Strasse, in dem meine Familie väterlichseits Anfang des 20. Jahrhunderts wohnte. Es ging über 3 bis 4 Kilometer in eine Gartenbausiedlung vorbei an „Neu“bauten aus den 50/60er Jahren. Auf ein Foto verzichte ich hier, interessanter Weise war der Zugang stets durch ein Zahlensicherheitsschloß gesichert.

Mir ist bereits häufiger das Phänomen untergekommen, dass von mir nach der Adresse Befragte, keine Auskunft geben konnten. Selbst wenn das Ziel nur wenige Hundert Meter entfernt war.

Am Geburtshaus von Papa Kurt angekommen, sprach ich mit dem jetzigen Besitzer Igor und erfuhr, dass er das Grundstück 1990 kaufte. Erlaubte mir,seinen Garten fotografieren zu können.

Das Nachbargrundstück hatten mit seinen Besitzern nich so viel „Glück“.

Wieder in der Stadt angekommen, erlebte ich eine große Überraschung. Als ich die katholische Kirche besuchte, benannt nach dem heiligen Bruno, erlebte ich ein ganz spezielles Ordensfest, das Geistliche aus allen Teilen des Königsberger Gebietes zusammenführte. Ich konnte mit mehreren Personen deutsch sprechen. Eine Ordensschwester aus Tilsit interessierte sich sehr für meine Reeise und kam herzhaft ins Lachen, als sie den Text meines T-Shirts anläßlich der Eröffnung der Rügenbrücke im Oktober 2007 durchgelesen hatte.

Ein älterer Herr lebte ursprünglich in der Slowakai und wohnt nun in Königsberg. Eine andere ältere Frau kam aus dem Saratower Gebiet und war noch nie in Deutschland. Ich wurde aufgefordert, am Mahl teilzunehmen und es ergaben sich, intensive Gespräche.

Diese Kirche dominiert das Stadtzentrum ebenso wie der berühmte ehemalige Wasserturm ein Highlight der Stadt ist.

Ich erfuhr von hiesigen Geistlichen, dass die evangelische Gemeinde zur Zeit keinen eigenen sakralen Bau hat. Die ehemalige protestantische Kirche wurde in eine russisch-orthodoxe Kirche nach gründlicher Renovierung umgewandelt.

In der Kirche erfuhr ich, dass es keine kirchlichen Dokumente mehr zu Mitgliedern dieser Gemeinde geben würde.

In der Nähe fand ich auch die – vermutlich – ehemalige Schule meines Vaters mit dem Sporthallenanbau.

Aus Berichten meines Vaters weiß ich noch, dass seine Schule und die Kirche sich gleich hinter dem Tunnel unter den Eisenbahngleisen befinden hatten. Ich weiß auch, dass er gerne zu Schwimmen in der Inster gewesen sei. Ich ging also zur schon bekannten Fusgängerhängebrücke und dem Sportstadion. Zu meiner Überraschung las ich, dass das Baden im Fluss verboten sei. Bei einer kleinen Pause kam ich auf meinem Tablet fast zufälligerweise auf die Selbstportät-Taste. Nach vielen Jahren mal wieder mit Sonnenbrille…

Ein Radfahrer machte mir aber Mut, gehen sie ruhig weiter. Es gibt dort eine Badestelle. Und ich war total überrascht, ich fand das Flußbad mit einer eigenartig in Pilzform gebauten „Umkleidekabine“.

Ich kam auch ins Gespräch mit Jugendlichen, scherzhaft wollten sie mir ihren Ältesten als Sohn „unterjubeln“,

Zurück in der Stadt beeindruckten mich nicht nur die vielen, in neuem Glanz erstrahlenden, Häuser sondern auch die vielen Graffitis u.a. an Spielplätzen platziert.

Ich füge noch einige Aufnahmen von der Innenstadt hinzu.

Das im linken Bild auf der rechten Seite befindliche Haus mit hellblauer Außenfarbe wurde 1924 errichtet und beherbergt jetzt das bekannte Restaurant HERKULES.

Nun etwas zur Verständigung. Sie ist mir nur schwer möglich, selbst so eine einfache Wortverbindung, wie …. informationalnui zentre dla touristui ….wird seltenst erkannt. Ich selbst verstehe von den schnell Sprechenden so gut wie nichts. Selbst mit den kyrillischen Buchstaben komme ich immer noch nicht so richtig zurecht! Wer kann relativ schnell erlesen, worauf die nachfolgende Reklame hinweist:

Bemerkenswert sind die Viefalt der Denkmäler, so wird in einem Park und Denkmal an die Opfer des Reaktorunfalls in Tschernobyl gedacht.

NIEMALS VERGESSEN heißt es bei dem, den Opfern des II. Weltkrieges zu Ehren, gewidmeten Park.

Die Kindermusikschule befindet sich in der Pionerskaya Ulitza in einem großen Gebäudekomplex und ehrt im Vorgarten Peter Tschaikowsky.

Ein sehr intensiver Tag mit vielfältigsten Gesprächen und Eindrücken ist zu Ende und ich spüre eine gewisse Zufriedenheit.