Baltikum – ganz nah



Mit E-Bike in den Osten

oder

Mittsommernacht traditionell





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Am Morgen danach






Inhalt

VORBEMERKUNGEN 3

1. Hinreise Stralsund – Pärnu/Estland 5

31. Mai, Dienstag, Stralsund – Zempin 5

01. Juni, Mittwoch,Zempin – Grifice, erster Grenzübertritt 8

02. Juni, Donnerstag, Grifice – Szczecinek (Neu-Stettin) 11

03. Juni, Freitag, Szczecinek – Grudziąz (ehemals Graudenz) 16

04. Juni, Samstag, Entspannung bei Danuta und Jacek, Wäschetag 20

05. Juni, Sonntag, Regionalbahn und IC von Grudziąz nach Ełk 23

06. Juni, Montag, Entspannung am See von Elk 24

07. Juni, Dienstag Ełk – Marijampole, drei-Länder-Eck 26

08. Juni, Mittwoch, Zug und Bus von Marijampole nach Klaipeda 31

09. Juni, Donnerstag, Klaipeda 39

10. Juni, Freitag, Fähre Klaipeda-Kurische Nehrung; Nida 43

11. Juni, Samstag, Überfahrt nach Ventainė, erste Zeltübernachtung 52

12. Juni, Sonntag, Fahrt nach Mazeikiai, Grenzort zu Lettland 60

13. Juni, Montag, Fahrt nach Kuldīga, etwas abenteuerlich 63

14. Juni, Dienstag KULDĪGA, die Perle des Baltikums 72

15. Juni, Mittwoch, Busfahrt Kuldīga – Pärnu 86

2. Klassentreffen in Pärnu 90

16. Juni, Donnerstag, Talliner Flughafen, Empfang der Gäste 90

17. Juni 2022 Stadtführung in Pärnu 90

18. Juni, Samstag, Individuelles Sightseeing Pärnu 96

19. Juni, Sonntag Besuch der Fraueninsel Kihnu 96

20. Juni, Montag, Ausflug nach Tallin, Estlands Hauptstadt 104

21. Juni, Dienstag, Pärnu Fischgrillen bei Hannu 113

3. Rückfahrt Pärnu Stralsund 116

22. Juni, Mittwoch, Busfahrt von Pärnu nach Kudelga 116

23. Juni, Donnerstag, LIGOR-Fest in Kuldīga (Mittsommernachtsfest) 118

24.Juni, Freitag Ruhetag in Kuldega 124

25. Juni, Samstag, Fahrt nach Liepaja 126

26. Juni, Sonntag, Weiterfahrt mit Fähre oder per Rad??? 134

27. Juni, Montag, Fährtickets kaufen, TT-Training mit Valdas in Rietavas 137

28. Juni, Dienstag, Palanga und Strand erkunden 139

29. Juni, Mittwoch, Radtour nach Klaipeda 140

30. Juni, Donnerstag, Fährüberfahrt nach Trelleborg-Swinoujscie 145

01. Juli, Freitag, Fährüberfahrt 150

02. Juli, Samstag, Nachtfahrt bis Zempin ; UBB nach Stralsund 151


VORBEMERKUNGEN



Reinhard Klette am 28. Mai 2022



Die Ferne reizt mal wieder …, mit Fahrrad und vorwiegend allein. Einige abgestimmte Besuche bei Freunden und Bekannten, Pensionen, Hotels oder Privatunterkünfte sowie ein Ein-Mann-Zelt am Rand einer der vielen Seen oder an der Ostsee werden mir wieder neue Kraft für die nächsten Reiseziele geben.

Anlass: Ex-Pennälertreffen von der Ilmenauer Goetheoberschule, von einem ehemaligen Mitschüler in Pärnu/Estland über die Mittsommerwoche vom 16. bis zum 23. Juni 2022 organisiert.

Ich fahre mit meinem E-Bike von STEVENS, denn meinem Diamant-Oldie aus 1943 (und meinem Körper) kann ich wohl die mehr als tausend Kilometer nicht mehr anbieten; dem Fahrrad schon wenn ich richtig bedenke …, aber mir…?

Zugegeben ist die Veröffentlichung dieses Projekt auf der PRO RAD STRALSUND-Seite etwas ungewöhnlich, so kann ich aber erreichen, dass eine Adresse im Internet vorhanden ist, auf die man bei Interesse Zugriff hat und in der ich, Internetzugang vorausgesetzt, kontinuierlich auch in den Tagen der Reise arbeiten kann. Mit maßgeblicher Unterstützung von Heiko Werner und der Regionalgruppe Stralsund/Rügendes ADFC e.V. hatte ich 2018 einen Internetauftritt der Bürgerinitiative PRO RAD STRALSUND geschaffen. Das Arbeiten in ihr gelingt mir einigermaßen, so war es naheliegend, auf dieser Homepage einen separaten Beitrag anzulegen. Auf diese Weise kann damit auf die erzielten Ergebnisse aber auch auf noch bestehende Mängel beim Fahrradwegeausbau hingewiesen werden. Ihr werdet bemerken, dass ich bei meiner Fahrt stets ein Auge auf die verschiedenen Verkehrslösungen werfe und Euch dazu wesentliche Eindrücke vermitteln werde.

Ich freue mich schon ganz besonders auf die pommersche Ostseeküste sowie auf die Fahrt entlang der Memel bis nach Nida auf der Kurischen Nehrung. Das malerische kleine Fischerdorf zog früher viele Maler und Schriftsteller an, wie bekanntlich Thomas Mann.

Auch kleine Orte wie Kuldīga/Lettland möchte ich besuchen. Es war nicht nur das wichtigste Handelszentrum des Landes, es hat auch mit 240 Metern den breitesten (!) Wasserfall Europas sowie die breiteste Backsteinbrücke ihrer Art in Europa. Und es werden noch so viele Überraschungen auf mich warten ….

Mal kurz zum Start: Auf meiner Fahrt nach Greifswald werde ich mir den aktuellen Stand der Bauarbeiten an der alten B 96 in den Bereichen Teschenhagen sowie Mesekenhagen anschauen.

Baltikrunde mit dem Fahrrad 1.684 Kilometer

Erläuterung: Die gestrichelten Strecken legte ich mit Bussen und der TT Line bzw. von Marijampole bis Kaunas mit dem Zug zurück.

30.05.22 Nach den gestrigen genaueren Planungen habe ich festgestellt, dass es etwas mehr als 1.600 km werden. Der Abstecher zur Kurischen Nehrung und Nida verengt meinen Zeitplan auch zusätzlich, da die Fähre von der Landzunge Ventainė nach Nida nur am 11.06. bzw. am 16.06. fährt! Das Ex-Pennälertreffen beginnt aber am 16.06….

Schlussfolgerung: Ich fahre bereits morgen früh, am 31.05.!!



Reinhard Klette am 15. Juli 2022

+ Die Idee hat sich inzwischen verdichtet, dass ich aus dem umfangreichen Bild- und Textmaterial ein Buch fertige(n lassen werde).

+ Die auf dem Sattel „geborenen“ Sätze werde ich dabei weitestgehend übernehmen, burschikose Formulierungen belassen, um die Erlebnisse auf und neben dem Rad authentisch an Interessierte zu vermitteln.

+ Ich bedanke mich auf diese Weise auch bei denjenigen, die zu Hause „mitgefahren“ sind, die Daumen gedrückt haben und vielleicht so manches Mal dachten, was wird denn nun morgen alles so passieren?

+ Es gilt auch vieles festzuhalten, was sich aus den Beobachtungen aus den Recherchen und aus den vielfachen Gesprächen mit liebenswerten Bewohnern des Baltikums und Polens ergab.

+ Das Buch ist von mir auch gedacht, als ein herzliches Dankeschön für alle, die mich freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit auf meiner Radreise in den fünf Ländern begleiteten.

1. Hinreise Stralsund – Pärnu/Estland

31. Mai, Dienstag, Stralsund – Zempin

Es begann zunächst mit einer spontanen und unangemeldeten Verabschiedungsrunde bei meinem Freund Günther Lange, der meine Gepäcksicherung mit einem Spanngurt wesentlich verbesserte. Die bisherige Sicherung mit einer Spinne erwies sich als ungeeignet. In Brandshagen, dem Wohnort meiner Familie von 1973 bis 1977, traf ich Walter und Christel Koos, mit ihm spielte ich bei Traktor Brandshagen Fußball und habe mit Walter in den 2000-ern so manche Fahrradrunde gedreht.

Bei Heinz Lange, dem Bruder von Günther, und Gattin bin ich in den letzten Jahren in Lobmannshagen des Öfteren eingekehrt und zwar stets dann, wenn ich mit dem Fahrrad auf die Insel Usedom gefahren bin.

ABSCHIED

Kurz einiges zum Bau des Fahrradweges an der B 105 zwischen Stralsund und Greifswald. Dieser Bereich ist Bestandteil des Ostseeküsten-Fernradweges. Seit Jahrzehnten beklagen sich Radfahrer über die Schüttelpiste, denn Radler müssen bisher vorwiegend über Kopfsteinpflaster fahren.

Bisherige Versuche die Radtrasse an den landschaftlich sehr reizvollen Strelasund zu verlegen, scheiterten leider. Nun wird beidseitig der alten Fernverkehrsstraße ein asphaltierter Radstreifen angelegt und in der Mitte das alte Kopfsteinpflaster belassen oder neu verlegt. Ich sah am Dienstag rumänische Straßenpflasterer bei der Arbeit zu. Der Stralsunder Abschnitt von Teschenhagen bis zur Stadtgrenze in Richtung Brandshagen in einer Länge von etwas mehr als einem Kilometer Länge wird möglicherweise in Kürze fertig. Diese Vermutung hatte sich als richtig erwiesen, denn Ende Juli erdfolgte bereits die Verkehrsfreigabe.

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So schnell kann es gehen … zwei Monate später

ABER: Der etwa 20 Kilometer lange Abschnitt auf dem Gebiet des Landkreises Vorpommern-Rügen wird wohl noch sehr viele Jahre unberührt bleiben. Nach anfänglichen positiven Anzeichen wurde leider ein Umfahrungsvorschlag von Teschenhagen über Reinkenhagen und Jeeser bis zum Anschluss in Kirchdorf leider wieder verworfen. 2018 unterbreitete die ADFC Regionalgruppe Stralsund-Rügen an den damaligen Landrat vom LK VR, Herrn Drescher, sowie dem Amt Miltzow einen Vorschlag, in dem größere Bauarbeiten nur an einem etwa 500 Meter langen sandigen Wegabschnitt im Bereich Meierhof erforderlich gewesen wären.

Inzwischen wurde der Vorschlag aber verworfen. Einige Gemeinden wie Reinberg und Brandshagen wollten, dass die Bewohner eine direkte Fahrradverbindung erhalten. Wann wird das aber sein?

Alternativroute Teschenhagen – Kirchdorf

Zurück zum heutigen Baugeschehen im Bereich des LK Vorpommern Rügen: Hier stehen oder sind etwa drei Viertel vor der Vollendung. Zwischen Mesekenhagen und Abzweig Leist ist das Kopfsteinpflaster komplett aufgenommen. Radfahrer müssen derzeit einen sehr abenteuerlustig anmutenden schmalen Randstreifen nutzen:

Man ahnt, wie es mal werden soll…

Intensive Bauarbeiten an mehreren Abschnitten vorwiegend auf dem Gebiet des Landkreises Vorpommern-Greifswald lassen aber vermuten, dass auch das in den nächsten Jahren Vergangenheit sein wird. Im Landkreis Vorpommern-Rügen wird sich eine Fertigstellung gemäß derzeitigem Stand bis nach 2030 hinziehen. Derzeit ist von ca. 17 Kilometern im LK VR nur ein Abschnitt von 1,1, Kilometern im Bau und ein größerer Teil m. E. nicht einmal in der Planung…

Es passiert aber so manches kleine Malheur. So kam ich in eine kleine Baubesprechung, da einem brandenburgischen Straßenarbeitertrupp ihr größeres Baufahrzeug „vom rechten Weg“ abgekommen war.

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Kurze Baubesprechung

Ein paar Meter weiter wurden neben der neuen Trasse neue Versorgungsleitungen verlegt, möglicherweise auch Lichtleiterkabel.

Rohrverlegung neben der Bundesstraße



01. Juni, Mittwoch,Zempin – Grifice, erster Grenzübertritt

Nachdem mich Harald, mein ehemaliger Hauptfeldwebel aus meinem Grundwehrdienst von 1976 bis ’78, in die Nutzung der Ratsche meines Spanngurtes eingewiesen hatte, ging es am 1. Juni, dem Kindertag, gegen 10 Uhr weiter in Richtung polnischer Grenze.

Tagesgespräche waren immer wieder der erste Tag mit dem 9 € ÖPNV- Ticket und die Sorge, wieviel an der Tankkasse wohl von den 30 Cent Erleichterungen im Portemonnaie ankommen werden…

Es gab aber noch mehr Interessantes:

Im Bereich zwischen Zempin und Koserow wird an einer neuen Gasleitung gebaut. Werden hier noch alte Verträge abgebaut oder ist es mal wieder so, dass die Bundesregierung das eine verkündet und das Andere gemacht wird….?

Erläuterungen zum Bau einer Gasleitung

In Neuhof bei Heringsdorf wechselte ich von dem straßenbegleitenden Radweg an der B 111 auf den Ostseeküstenfernradweg. Dieser verläuft auf oder unmittelbar neben der Uferpromenade der Königsbäder Heringsdorf und Ahlbeck. Ich bin immer wieder erstaunt, wie problemlos die Verkehrsströme zwischen Fußgängern und Radfahrern organisiert werden, obwohl die separaten Fußgänger- und Radwege durch querende Verkehre in Richtung Strand unterbrochen werden.

Trotz dieser positiven Erfahrungen in diesen Ostseebädern sind die Stralsunder Verkehrsplaner nicht bereit, in Ufernähe getrennte Verkehrswege für Fußgänger und für Radfahrer einzurichten. Besonders im Bereich der Sundpromenade stoßen die Vorschläge der Regionalgruppe Stralsund-Rügen des ADFC e.V. bisher auf taube Ohren bei den Verantwortlichen. Ganz im Gegenteil: Die im Jahre 2018 unterbreiteten Vorschläge führten bedauerlicherweise zur Verschlechterung der verkehrsrechtlichen Situation für Radfahrer auf der Sundpromenade.

Hinter Ahlbeck überquerte ich etwas später die erste Landesgrenze.

Erster Grenzübertritt

Nach dem Grenzübertritt habe ich mich in der Mittagspause mit meinem ehemaligem Mitschüler, Wolfgang Abraham, getroffen. Er hatte in den letzten Tagen sehr viele Tagesexkursionen und er wollte den derzeitig erhöhten Bedarf an seinen Angeboten durchgehend nutzen. Er bedauerte deshalb sehr, dass er am Klassentreffen in Pärnu nicht teilnehmen wird. In der ursprünglichen Planung wollten wir beide mit seinem T 5 das Baltikum und Ostpreußen besuchen. Letzteres war leider momentan nicht umsetzbar. So bin ich nun alleine unterwegs.

Nach der Stadtfähre von Swinemünde über die Swine bzw. über den ehemaligen Kaiserkanal ging es auf die sehr stark befahrene E 3 in Richtung Szczecin und Prag. Für Radfahrer ist zwar beidseitig ein etwa 1,5 m breiter Randstreifen angelegt, was in der BRD leider durch die Vorschriften des Bundes bzw. der Länder verhindert wird. Man fühlt sich sicher, der Lärm nervt einen doch extrem. So war ich froh, etwa 14 km hinter Wolin auf die sehr gut ausgebaute L 109 in Richtung Osten abzubiegen. Die bisherigen Straßen über Golczewo, und Płoty bis Gryfice waren neu und sehr gut mit Rad befahrbar. Da es in den beiden Strecken weder Pensionen noch Hotels gab, musste ich auf der Suche nach einer Unterkunft nach Norden abbiegen. Am nächsten Tag fuhr ich wieder in Richtung Szczecinek etwa 14 km wieder zurück.

Abends begann es sehr stark zu regnen. Schon viele Kilometer vor Grifice hatte ich als Orientierung die sehr hohe Kirchturmspitze vor mir, und sie diente mir bei dem Regen als gute Orientierung. Bald ist es geschafft!

In Grifice erkundigte ich mich zunächst in einem Motel nach einem freien Zimmer. Leider ohne Erfolg. Der junge Portier war aber so nett, sich für mich nach anderen Unterkunftsmöglichkeiten in der Stadt telefonisch zu erkundigen. Da es immer noch regnete, wollte ich die Variante Zelt nur im äußersten Notfall nutzen.

So fand sich doch noch ein Bett: Im SPA Bovar Folga, einem modernen Hotel mir eigener Brauerei war leider nur noch ein großes Appartement mit mehr als 100 frei, also hieß es etwas tiefer in das Portemonnaie zu greifen. Ich hatte mich aber wunderbar von den bisherigen etwas mehr als 200 Fahrkilometern erholt und entspannt!

02. Juni, Donnerstag, Grifice – Szczecinek (Neu-Stettin)


Vor meiner Weiterfahrt habe ich mir Grifice (ehemals Greifenberg) etwas näher angeschaut. So wurde ich durch ein Foto im SPA Hotel auf einen breiten Wasserfall aufmerksam gemacht. Ich entdeckte aber zunächst zufällig den Friedhof (Čmentarź). An einem schmalen Weg entlang der Rega tauchten plötzlich mehrere Blumenverkaufsgeschäfte auf, was eigentlich nur den Schluss zuließ, es kommt bald der Friedhof:

Friedhof von Grifice liegt direkt neben…


…dem Fluss Rega mit Blick den Wasserfall und das Stadtzentrum

Bei einem anschließenden Stadtrundgang sah ich auf dem Markt eine Metallinstallation mit „merkwürdigen“ Figuren. Bisher habe ich deren Bedeutung noch nicht erschließen können.

Marktplatz von Grifice

Unmittelbar an der Rega befinden sich ein wunderbar angelegter japanischer Garten, eine Freilichtbühne, Geh- und Radwege inmitten von vielem Grün.

Inzwischen ist es Freitag, der 3. Juni, so kurz nach 5.00 Uhr. Nach prächtigem Schlaf in echt ungewohnter Umgebung beginnt ein neuer Reisetag. Vor dem Frühstück, beginnend um 7.00 Uhr, habe ich Zeit, mein Erlebtes, Erfahrenes niederzuschreiben.

Warum ungewohnte Umgebung? Gestern war ich nach knapp 130 km in Szczecinek angekommen. Am Ortseingang sah ich das Hotel SIEDEM ŚWERKOW. Es war leider ausgebucht, wegen einer größeren Tagung. Auch alle anderen Gästebetten im Ort und Umgebung, wie das freundliche junge Betreiberehepaar nach längerem Telefonieren feststellen musste, waren bereits ausgebucht. Ich fragte nach Campingmöglichkeiten, worauf er sagte, kommen sie mit. Ich sah mich schon, auf einer Wiese mein Zelt aufschlagen. Zu meiner Überraschung ging es aber in den Keller ….

Sauna- und Fitnessraum des Chefs

Ihr könnte Euch vorstellen, wie froh ich war. Aus dieser Erfahrung lernend, nahm ich mir vor, in den nächsten Tagen Zimmer vorzubestellen. Für heute Nacht (und vielleicht für einen Ruhetag am Pfingstsamstag) bin ich in der Nähe von Grudziąz angemeldet …

Was war aber gestern noch so?

Das Radfahren, einige allgemeine Gedanken dazu….

Bisher bin ich sehr gut zurechtgekommen, der Körper und insbesondere die Knie meldeten sich bisher nicht. Zur Erläuterung: Ich hatte seit Jahren Schmerzen durch Arthrose in beiden Knien und 2017 sowie 2021 zwei künstliche Knieprothesen erhalten,

Das Fahren ist vorwiegend entspannt. Die „Ritter der Landstraße“ begegnen sich mit Respekt! Falls mich ein LKW-Fahrer vor unübersichtlichen Stellen überholen will und ich bereits erkenne, dass der Weg frei ist, Winke ich ihn vorbei und erhalte stets ein Danke schön durch Lichthupe. Fahrer von Campingfahrzeugen begrüßen mich mit kleiner Hupmusik und im Gegensatz zu manch deutschem Kraftfahrer wird bisher stets mit deutlichem Abstand überholt!

Vergleichbar mit dem deutschen Teil Pommerns bewegen sich auch hier besonders viele Bachstelzen auf und eben der Straße. Während ich mich zu Hause, besonders auf Wiesenwegen, häufig regelrecht begleitet fühle, indem sie mir in Gruppen „auf und ab tanzend“ Freude bereiten, sind die bisherigen Begegnungsmomente in Polen sehr beiläufig.

Ich habe bisher so alle 30 bis 40 Kilometer kleine Pausen eingelegt. selbstverständlich an reizvollen, sicheren und attraktiven Orten. Sei es an einer reizvollen Moorlandschaft

Moorlandschaft bei Połczyn-Zdrój



oder bei zahlreich vorhandenen ehemaligen Gutshäusern, bzw.-schlössern. Sie wurden teils mit EU-Fördermitteln entkernt und beräumt, wie in Starogard oder in Małstowo, wo sich die Natur ein ehemals prächtiges Landschloss wieder geholt hat:

Gutsschloss in Starogard (Ruine + Park )

Zwischen Swidwin und Połczyn-Zdrój wurde für den Bau eines separaten Radweges eine ehemalige Kleinbahnstrecke genutzt. In Połczyn-Zdrój werden Radler von einer großen Fahrradmetallskulptur begrüßt. Im Kurort weisen viele Radhinweiszeichen darauf hin, dass in diesem Ort und in der Umgebung viel für den Fahrradtourismus unternommen wurde. Leider hatte ich nur Zeit, um hindurch zu fahren. Aber wer weiß …?



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Ehemaliges Gut Malstowo

In Swidwin habe ich an einem, außen unscheinbaren, Bistro leckere polnische Küche genossen: In Erinnerung an Muttis Rote-Beete-Suppe probierte ich das polnische Gericht aus. Wahrscheinlich gibt es hier eine Sommervariante, denn die Suppe wurde kalt serviert. Dieses Gericht gehört inzwischen zu den Stammgerichten in der Küche von meiner Gattin Monika, allerdings immer warm und bei uns in einer Schüssel mit Löffel, wirklich sehr schmackhaft!

Preiswerte und schmackhafte Mittagsversorgung in Polen

Abends schaute der Hotelchef in der Lobby nach mir. Er bot mir ein leckeres, polnisches Bier mit Honigzusatz an. Dies hatte mich bei der Arbeit an meinem Erlebnisbericht unterstützt. Ich zeigte ihm meine Reisevorschläge für die nächsten vierzehn Tage. Für die Fahrt nach Grudziąz gab er mir einen Wegevorschlag, der sich am nächsten Tag als sehr wertvoll erwies.



03. Juni, Freitag, Szczecinek – Grudziąz (ehemals Graudenz)

Wie bereits bewährt, schaute ich mir zunächst die City von Szczecinek (Neu-Stettin) an. Am Ende des zweiten Weltkrieges wurde die Innenstadt wahrscheinlich fast vollständig zerstört, was aus den zahlreich vorhandenen Neubauten zu schließen ist.

Die ersten 40 km bis zum Stopp an der Grotte in Binzce verliefen sehr entspannt auf gut ausgebauter und wenig befahrener Straße.

Grotte von Bincze, ein Wallfahrtsort

An der Kreuzung von Barkowo kam auf der Fernverkehrsstraße 22 von Süd eine sehr langeLKW-Kolonne. Es blieb mir deshalb nur, nicht auf die Hauptstraße abzubiegen sondern gerade aus auf einer Landstraße weiter zu fahren. So bestätigte sich der gestrige Tipp des Hotelchefs.

Einige Kilometer später zeigte mein Bosch-Nyon-Navigationssystem den Fehler 727. Ich solle dringend mit meinem Fachhändler Kontakt aufnehmen. Die Batterieunterstützung funktionierte zwar ebenso wie die Gangschaltung, zumindest aus meiner Laiensicht zumindest in technischen Belangen. Ich rief in Stralsund beim Fahrradhandel Heiden an und wurde sofort professionell unterstützt. Der Fehler bezieht sich auf die Kommunikation zwischen Navi und Schaltung, die von einem Fachhändler gelöscht werden müsse. Ärgerlich war, dass das Display ständig nur diese Anzeige hatte. Auf den Nebenstraßen werden zudem nur die nächsten Orte angezeigt. Da ich nur eine Gesamtkarte von Polen hatte, konnte ich mich nur auf meinen Orientierungssinn und auf den Sonnenstand verlassen, der Wind schien mir ungeeignet, da er doch ab und zu wechselte.

Mit Ortsansässigen ist das auch so eine Sache. In Debrzno fragte ich, wie ich nach Kamien Krajenski kommen könne. Ich erhielt von neun freundlichen Bewohnern fast neun verschiedene Auskünfte. Ich dachte mir, dass das nicht an den vielen Zischlauten liegen könne, die das Polnisch ganz speziell erschweren. Viel zischen muss man ja bei obigem Ortsnamen nicht, wie zum Beispiel bei folgendem polnischen Zungenbrecher:

chrzaszcz brzmi w trzcinie (deutsch: Käfergeräusche im Schilf).

ÜBRIGENS, noch ein Einschub sei erlaubt: Im Moment ist es gegen 15.00 Uhr am Pfingstsamstag und im Fernsehen läuft, mich sehr beim Schreiben ablenkend, das Roland Garros Finale Iga Swiątek gegen Cori Gauff, Wie auf folgendem Foto zu sehen ist, unter intensiver Anteilnahme von Damen und Herren:

Swiątek kurz vor ihrem Pariser Rolland Garros Finalsieg

Als ich Danuta und Jacek die Panoramaaufnahme zeigte, lachten beide herzhaft und Danuta bestritt, dass sie die Person auf dem Foto sei. „Ich schaue mir nie Sport an! Und dann noch so, als ob ich in das Fernsehgerät kriechen wolle. Nein, nein.“

Nach einem kurzen Stadtausflug in das Zentrum von Grudziąz setze ich nun meine Beschreibung für gestern Nachmittag fort:

Ich fand dann doch den rechten Weg und unter Einhaltung der Ost-Richtung wurde meine Hoffnung durch den folgenden Hinweis bestärkt.

Endlich Hinweis Kamien.Kraj.

In diesem Ort angelangt, ging es weiter mit dem Durchfragen. Bei einer Tagesleistung von knapp 120 km ist es doch durchaus sinnvoll, Umwege ob kürzere oder längere zu vermeiden? Zu meiner Überraschung wurde hinter dem Ort auf den nächsten größeren Ort Tuchola hingewiesen, obwohl der Weg durchgehend auf kleinen Nebenstrecken erfolgte.

Im kleinen Ort Radzim war ein Mitarbeiter in den Räumen der Freiwilligen Feuerwehr beschäftigt, wie ich beim Vorbeifahren bemerkte. Nach kurzem Überlegen kehrte ich um. Nach immerhin knapp 80 km war die Uhr inzwischen vor zwei. Es war die richtige Entscheidung, um die Batterie, aufzuladen, Internetverbindung aufzubauen, Informationen zu erhalten und Entspannung zu haben. Es sprach sich schnell herum, ein Fremder ist in der Feuerwehr zu Gast. Einige Kinder konnten ihre Englischkenntnisse anwenden und wie man auf der Fotogalerie sieht, eine Abwechslung war es auf jeden Fall.

Kräfte aufladen in Radzim

Da ich mich nicht nur wegen des Aufladens der Batterie so gut 2 Stunden dort aufhielt und da bis zum Tagesziel Grudziądz mich noch knapp 100 km trennten, war guter Rat teuer. Ich erhielt den Tipp, ab Tuchola könne man mit dem Zug direkt zum Ziel gelangen, wo ich bekanntlich für diesen Abend erwartet wurde.

Der Bahnhof Tuchola überraschte mich sehr. Alles wunderbar sauber, im ehemaligen Gastraum waren ein Bistro und Räume für die Betreuung kleinerer Kinder sind geschmackvoll eingerichtet.

Bahnof in Tuchola

Ich wollte noch das alte Stellwerk fotografieren. Die polnische Bahnangestellte hatte es mir leider nicht gestattet. Einige Tage später werde ich aber diese Gelegenheit in einem Eisenbahnmuseum in Elk erneut haben.

Meine Bahnfahrt verlief aber nicht so planmäßig. Es begann schon mit Schienenersatzverkehr ab Tuchola. Ich wunderte mich zwar, dass mein Bahnsteig kurz vor Abfahrt noch leer war. Plötzlich rief ein Mitarbeiter der Bahn. Ich solle schnell kommen und in einen Bus einsteigen. Es ging also mit Schienenersatzverkehr los. Meine Fahrkarte hatte ich bis Grudziądz gelöst. Es wird schon alles gut gehen. Plötzlich an einem Bahnhof aussteigen, wo zwei Züge auf Abfahrt warteten. Ich wurde zu einem geleitet oder ging ich mit der Masse mit? Ob ich im Umsteigebahnhof den richtigen Zug zugewiesen bekam, weiß ich hinterher nicht? Auf einem Streckenplan entnahm ich, dass es eine Bahnlinie gibt, die sich Grudziądz aus östlicher Richtung nähert. Wir fuhren aber südlich bis Bydgoszcz (!) und danach aus westlicher Richtung bis in die Gegend von Grudziądz. Da ich in Bydgoszcz mehr als eine Stunde Aufenthalt hatte, wurde es inzwischen langsam dunkel. Werde ich heute noch bei meinen polnischen Gastgebern ankommen? Wenn nicht, wo werde ich dann schlafen?

Ich wusste bisher nur, dass der Wohnort von Danuta und Jacek Waldowo etwa 20 Kilometer entfernt von Grudziądz liegt und eine Bahnstation hat. Auf der polnischen Straßenkarte entnahm ich, dass sich Waldowo „unterhalb“ von G. auf der Ostseite der Weichsel befindet. In Bydgoszcz überfuhren wir die Weichsel, also hinüber auf die Ostseite der Weichsel. Das war für mich ein Hoffnungsschimmer, der sich schnell bestätigte: Die Bahnstation Waldowo befindet sich direkt an dieser Bahnstrecke! Da es ein Bummelzug ist, würde er dort auch mit Sicherheit anhalten! Ich telefonierte mit Jacek und teilte ihm mit, dass ich gegen 23 Uhr mit dem Zug in Waldowo ankommen werde. Meine ursprüngliche Sorge, ob ich noch am Abend mein Ziel erreichen würde, löste sich in Luft auf.

Mir war heute bewusst geworden, dass auch Zugfahren nichts Einfaches ist, zumal auf unbekanntem Gebiet und das ohne irgendwelche Zugverspätungen und damit verbundenen verpassten Anschlüssen.

Mit dem Fahrrad wäre ich wahrscheinlich eher angekommen! C’est la vie

Jacek holte mich mit dem Auto vom Bahnhof ab. Bei den knapp zwei Kilometern Fahrt, teils durch dichten Wald, dachte ich mir, dass ich das Haus nachts und alleine nie gefunden hätte. Nach einer Tasse Tee und erstem freundlichen Beschnuppern in englischer Sprache ging ich in den Arbeitsraum von Jacek schlafen.

04. Juni, Samstag, Entspannung bei Danuta und Jacek, Wäschetag

Beim gemeinsamen Frühstück spürte ich, die Chemie zwischen uns dreien stimmt. Danuta arbeitet als Schulpsychologin in Grudziądz und unterhielt sich mit mir in russischer Sprache. Jacek sprach sehr gut Englisch. Er hatte Maschinenbau studiert und arbeitet z. Zt. im KFZ-Servicebereich. Beide waren am Vormittag unterwegs, um die Pfingstfeiertagseinkäufe zu erledigen.

Ich nutzte die Zeit, um Wäsche zu waschen. So auf die Schnelle geht’s unkompliziert ohne Maschine so wie es früher üblich war.

1. Wäschetag

Danuta bereitete uns ein leckeres Mittagsmahl, ganz wie ich es zu Hause von Mutti gewohnt war. Die mehligen Salzkartoffeln waren richtig fluffig, leicht und locker. Sie hatte verschiedene Gemüse gekocht und dazu gab es panierte Schnitzel.

Danuta in ihrem Element

Nachmittags war Roland Garros-Finale auf Sand in Paris. Da musste natürlich mitgefiebert werden (vgl. vorherige Seiten).

Abends schaute Jacek nach einer sinnvollen Verbindung nach Ostpolen. Er meinte, dass die Fernverkehrsstraße ähnlich voll wie westlich von Grudziądz sein würde. Bahn fahren wäre eine echte Alternative. Und so könnte ich auch noch einen Tag länger bleiben.

Kurze Beratung und Jacek kaufte online die Tickets mit Platzreservierung für mich über Olsztyn bis Elk. Nun konnte ich auch ruhig die Fahrt über Litauen nach Estland planen. Die Ankunft in Pärnu am 15. Juni wäre gut möglich und es gab auch genug Reserve für den Besuch der Kurischen Nehrung mit Nida und ebenfalls von Kuldīga!

Am nächsten Tag zeigte mir Jacek die Bahnstrecke vom Kleinbahnhof in Waldowo bis zum Hauptbahnhof in Grudziądz und von dort die Weiterfahrt am nächsten Tag mit einem Regionalzug bis Olsztyn.

Danach fuhren wir zum mittelalterlichen Stadtkern der knapp 100.00 Einwohner großen Industriestadt an der Weichsel.

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Stadtimpressionen aus Grudziądz

Fähren und fischen beeinflußten seit Jahrhunderte das Leben an so einem gewltigen Fluss. Bei dem obigen Verkehrskennzeichen: Benutzungspflicht für Fußgänger und Radfahrer fragte ich mich, für wen das linke Schild gedacht ist?

Auf der alten Festung hatten wir einen guten Überblick über die gesamte Stadt

Für den Abend bereitete Danuta Pizza vor.

Suche nach günstiger Bahnverbindung

05. Juni, Sonntag, Regionalbahn und IC von Grudziąz nach Ełk


IC Fahrradmitnahme

Ich kam nachmittags in Elk an und brauchte eine längere Zeit bei der Suche nach einer Unterkunft. Ich fuhr zunächst mehrere Kilometer an wunderschön gepflegten Anlagen am Elker See entlang bis zu einem Campingplatz. Dieser war aber noch geschlossen und außerdem nur für Campingfahrzeuge vorgesehen. Also wieder zurück. In der Nähe der Innenstadt fand ich noch einen anderen Platz, hier allerdings konnte ich keinen Ansprechpartner sprechen. Also weiter auf Hotel- oder Pensionssuche. Schließlich fand ich für 6o € ein sehr gutes Hotel und entschloss mich, für zwei Nächte zu buchen. Der Ort war zu verlockend!

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Erste Impressionen am Elker See 1

06. Juni, Montag, Entspannung am See von Elk

Im Hotel Rydzewski gab es ein schmackhaftes und reichhaltiges Frühstücksbuffet. Zunächst schaute ich mich in dem Hotel um.

Interieur des Hotels und Blick in die Bahnhofstraße

Zugegeben, für so eine Fahrradtour ist das schon eine ungewöhnlich noble Umgebung. Auch die Stadt Elk selbst präsentierte sich in einem Top-Zustand:

Bahnhofstraße mit der Glasveranda des Hotels

Der Ort Elk (ehemals Lyck) hat etwas mehr als 60.000 Einwohner und ist so vergleichbar mit Städten wie Stralsund, Greifswald oder Wismar. Der Ort liegt ebenfalls an einem großen Gewässer, dem Elker See.

In der Stadt sah ich auffällig viele große Wandaufsteller, auf denen u.a. die Stadtentwicklung dokumentiert wird. Das war für mich eine gute Informationsquelle. Hier nur ein paar Beispiele:

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Ein Jeder hat so seine Sicht…

Separate Fußgänger- und Fahrradwege

An der gesamten Uferpromenade

Elk hat ein großes Kulturzentrum mit Theater, Kino, Ballett- und Gymnastikräumen, großem Freilichttheater sowie großzügig gestalteten „Neben“einrichtungen (wie Toiletten). Auf meiner Reise hatte ich auch in anderen Orten viele Kultureinrichtungen sowie Schulkomplexe gesehen. Wenn ich mit unserer Situation vergleichen sollte, schneiden wir nicht besonders gut ab, ganz im Gegenteil!

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Kulturzentrum von Elk

Nebeneinrichtung“ dahinter Kino

Im Uferbereich befinden sich darüber hinaus ein zoologischer Garten sowie zahlreiche Garten- und Sportanlagen.

Nachmittags entspannte ich mich etwas im Hotel, hielt Kontakt zu Freunden mit WhattsApp-Videotelefonie, u.a. Neffe Georg, der sich gerade auf der anderen Ostseeseite in der schwedischen Natur mit Freunden aufhielt, genoss die Hotelküche und schrieb etwas an meinem Bericht …Abends war ich bei einem a-capella-Konzert im Theater des Kulturzentrums.

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07. Juni, Dienstag Ełk – Marijampole, drei-Länder-Eck

Nach dem Frühstück holte ich mein Fahrrad aus der Hotelunterkunft und befestigte das Gepäck darauf.

Das muss nun „irgendwie“ hier rauf

Am Ortsausgang von Ełk sah ich zufällig am ehemaligen Kleinbahnhof ein historisches Regionalbahnmuseum inclusive Ausstellung zur Ortsgeschichte. So erfuhr ich, dass sich hier im berüchtigten Schneewinter 1978/79 die Schneemassen bis zu 13 Metern auftürmten. Das wurde in einigen Bildern markant dokumentiert.

Die Präsentation früherer Züge war sehr beeindruckend. Sie führte über die für die Kommunikation notwendige Rechentechnik bis zur rollenden Postverteilstation. In dem alten Zugausbesserungswerk wird derzeit gearbeitet. Ich dachte in diesem Moment natürlich sofort an unser Stralsunder Dilemma mit den alten Lokschuppen. Als Wahlthema ist es zunächst mal nutzbar, wo bleibt aber die viel entscheidendere Umsetzung?

Teil eines ehemaligen Reparaturausbesserungswerks

Nach dieser überraschen Einlage ging es auf straßenbegleitenden Radwegen etwa 5 Kilometer aus der Stadt heraus. Wie es bisher bereits üblich war, endete dieser Radweg und die Landstraße querte danach mehrmals eine sehr breite Straßenbaustelle. Schnell war klar: Es wird eine neue Autobahn in Richtung Osten über Kaunas nach Riga und Tallin gebaut. Hier scheinen strategische Überlegungen federführend gewesen sein. Die „frühere“ Verbindung von Gdansk an der Ostseeküste entlang über Kaliningrad bis Klaipeda wird wahrscheinlich wegen der politischen Unsicherheiten und Risiken künftig nur noch eine geringe Rolle spielen.



Durch masurische Wälder mit Nyon Navigationssystem

An obiger Fotohalstestelle habe ich ein Video mit so viel Vogelgezwitscher aufgenommen, wie ich es erst später zu Hause wieder hörte. Schade, dass eine Wiedergabe hier nicht möglich ist.

Für das Ermland im Osten Polens hatte ich die zutreffende Offline-Karte heruntergeladen, so dass die Führung klappte. Ungewöhnlicher weise ließ mich das System auf eine ehemalige Bahnstrecke abbiegen. Wenige Kilometer später ging es von dieser direkt auf einen Waldweg. Die Waldwege bestanden manchmal aus sehr weichen Sand, auf dem immer mal wieder kleine Rutschpartien nicht zu vermeiden waren.

Rutschpartie im masurischen Sand

Zu meiner Freude ging es nach knapp 10 Kilometern wieder auf eine Asphaltstraße. Es ist sicher nachvollziehbar, dass mit den mehr als 10 kg Gewicht auf dem Hinterrad und mehr als 100 Tageskilometern das Fahren auf festem Untergrund vorzuziehen ist.

Etwas später sah ich eine Familie, die auf ihr kleines Feld ging. Der Mann trug einen Rechen, der drei lange „Zehen“ aus Holz hatte, es sah fast wie ein Dreizack aus. Vermutlich wird er für das Ziehen von Pflanzreihen verwendet. Etwas später lagen mehrere schwarz-weiße Stärken in hohem, noch nicht gemähtem frischem Gras. Zum Fressen zu müde, hielten sie einen kurzen Dämmerschlaf. Wie würden sich manch andere Kühe freuen.

Ich war in Richtung Suwalki unterwegs. Mir fiel in Raczka, einem kleinen Dorf, ca. 12 Kilometer vor Suwalki die verschiedenartige Architektur und die teils Fremdartigkeit einiger älterer Bewohner auf. Ich wollte erst anhalten und mich erkundigen, was das auf sich hat. Vielleicht könnte ich hier ins Gespräch kommen, vielleicht könnte ich das ursprüngliche ostpreußische Platt hören, wie ich es von meiner Oma Minna kannte. Mariellke für Mädchen und Kielkes, ein spezielles Gericht (vergleichbar mit Thüringer Klößen) waren mir diesbezüglich in Erinnerung.

Ein freundlicher Mitarbeiter in der touristischen Information bestätigte später in Suwalki meinen Eindruck. In diesem Dorf hatten sich Schotten und Franzosen vor Jahrhunderten als besondere Glaubensgemeinschaft angesiedelt. Dort waren auch einige Ostpreußen nach dem 2. Weltkrieg geblieben. Zurückfahren war aber keine ernsthafte Option, da es bereits nachmittags war und noch ca. 60 km vor mir standen.

Der Ort war in den letzten Jahren sehr modernisiert worden, junge Betriebe mit moderner Außengestaltung, großzügige Verkehrsinfrastruktur mit vielen separaten Radwegen und einer gut erhaltenen Innenstadt, die mich sehr an osteuropäische Architektur erinnerte. Maximal zweistöckige Gebäude, sowohl zur Straße hin, als auch in den vielen Hinterhöfen kleine Läden und Handwerksbetriebe.

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Suwalkis Innenstadt, links großzügige Parkanlage

.In einem solchen fand ich auch einen IT-Spezialisten, der sich gründlich mit meinem Tablet auseinandersetzte, was sich leider nicht mehr aufladen ließ und mich so in den vergangenen Tagen kräftig nervte.

Ich erfuhr einige Tage später, dass diese Stadt durch den Suwalki-Korridor in aller Munde ist, leider mit einer sehr hohen politischen Brisanz Man kann nur hoffen, dass die maßgeblich beteiligten Politiker nicht vorwiegend an ihr Ego und ihre Karriere denken sondern an die Bürger, die sie einst wählten.

Ich fuhr auch an einem modernen Leichtathletikstadion vorbei, in dem für die Tage vom 9. bis 12. Juni die polnischen Leichtathletiklandemeisterschaften auf Reklameplakaten angekündigt wurden.

Kurz vor dem Ort Raka-Taka sah ich einen noch verwaisten Campingplatz, der mich aber dennoch mit seinem See zum Baden einlud:

See Maly szelmet

Etwas später kam ich an einem der vielen beeindruckenden polnischen Friedhöfe vorbei.

Friedhof von Rutka-Tartak

Ich entschied mich noch zu einem „kleinen“ Abstecher zum Dreiländereck Polen, Litauen und Russland. Ich fuhr bis auf eine Höhe von knapp 300 Meter, hatte einen guten Überblick über das Gebiet und vermutete, dass ich auf meiner höchsten Stelle auf meiner Baltikumreise sein würde, was sich auch später als zutreffend erwies.

So kam ich dann auch erst so gegen 21.00 Uhr in meinem Marijampoler-Hotel ZILINA an. Es lag knapp 2 km außerhalb der Stadt und in diesem Hotel ist der Sitz des örtlichen LIONS Clubs, wie ich im Frühstücksraum am nächsten Morgen feststellte:

Hotel ZILINA der Sitz des LIONS Clubs



08. Juni, Mittwoch, Zug und Bus von Marijampole nach Klaipeda

Nach einigem Suchen habe ich das örtliche Tourismusbüro gefunden. Raminta, eine sehr freundliche und kompetente Mitarbeiterin im Tourismusbüro half mir bei der weiteren Planung enorm. Der heutige Tag wird anders verlaufen, als ursprünglich vorgesehen.

Raminta in ihrem neuen Büro

Ich hatte an sie zwei wesentliche Fragen: 1. Ist es möglich, dass über ein Reisebüro organisierte Fahrten in das Kaliningrader Gebiet Russlands unternommen werden können oder ist es für mich möglich, privat in das Kaliningrader Gebiet einzureisen?

Mein zeitweiliges Büro

Bis vor Beginn des Krieges von Russland gegen die Ukraine und den vom Westen umgesetzten Sanktionen konnten litauische Staatsbürger – als Ausnahmeregelung gegenüber anderen Nationalitäten – mit elektronischen Pässen in Gruppen oder individuell einreisen. Seit einigen Wochen ist das nicht mehr möglich. Deshalb hatte Raminta auch für mich leider nur eine abschlägige Auskunft mitzuteilen,

Es sei hier auch erwähnt, dass ich in diesem März an die russische Botschaft in Berlin einen Antrag auf Erteilung eines touristischen Visums in den Калининградская область (Kaliningrader Gebiet)

gestellt hatte. Ich erhielt keine Antwort. Ich war auch bereits vorher skeptisch, da auf der Homepage bereits nur für dieses Gebiet in rot stand: Seit März 2020 ist wegen der Pandemie die Einreise ausländischer Staatsbürger untersagt.

Nun war die Antwort auf die zweite Frage besonders wichtig: 2. Können Sie mir, einen für Radler zu empfehlende, Route beschreiben, wenn ich von Marijampole in Richtung Klaipeda fahren möchte? Sie sagte mir nach ihrer Recherche, dass es eine sehr gut ausgebaute, durchgehende Autobahn gibt. Man kann Nebenstraßen durch flache touristisch eher uninteressante Bereiche im ersten Teilstück nutzen. Lediglich der zweite Abschnitt direkt am Fluss Memel gelegen, wäre empfehlenswert.

Ich entschied mich für die schnelle Variante. Sie suchte mir eine kombinierte Zug-Busverbindung heraus, zunächst von Marijampole bis Kaunas mit dem Regionalzug und danach mit einem Expressbus direkt in das etwas mehr als 200 km entfernt liegende Klaipeda. Überraschenderweise war die Mitnahme Fahrrädern (E-Bikes nicht ausgenommen) erlaubt. Eine ursprüngliche Anreise in das Baltikum mit dem Flixbus von Berlin bis Kaunas scheiterte daran, dass sie keine E-Bike mitnehmen würden.

Ich ließ Raminta also alles buchen und online bezahlen. Für die Abfahrt waren noch gut zwei Stunden Zeit. Marijampole musste sich mit einer kurzen Fahrradrunde „begnügen“. Auffällig war im Zentrum sehr großzügig und monumental (fast wie aus sowjetischen Zeiten) angelegte Plätze mit gewaltigen Amtsgebäuden, z. B. Rathaus und eine sehr hohe silbrig glänzende Stele, auf der sich auf einer geschätzt 15 Meter hohen Säule eine Frauenfigur erhob. Bereits bei meiner gestrigen Einfahrt auf einer mehrere Kilometer langen und breiten Alle lockte mich diese Figur ebenso stark an, wie ich es z. B. bei der abendlichen, sehr feuchten, Fahrt nach Grifice erlebte. Dort übernahm aber, wie es in Deutschland ab und zu anzutreffen ist, ein Kirchengebäude die anziehende und orientierende Funktion.

Ich fuhr zurück, packte in Ruhe meine, mehr oder weniger im gesamten Hotelzimmer verteilten, Sachen. Zwischendurch erinnerte ich mich daran, dass ich im Smartphone zwei Zeitangaben bemerkte. Oh, ist etwa eine Zeitumstellung zu beachten und zwar nach vorne? Ich fuhr ja bekanntlich in den letzten Tagen in Ostrichtung! So war es auch. Ich bemerkte das aber glücklicherweise so rechtzeitig, dass ich die Zugabfahrt kurz nach 12 gerade so schaffte!

Der Zug war relativ neu und chic. Aber modern, was ist mit Fahrradmitnahme? Fünf oder sechs sehr steil nach oben führende Treppenstufen erlaubten es, das E-Bike mit dem gesamten Gepäck nur mit Hilfe zweier weiterer Personen in den Wagon zu hieven. Das war schon extrem. In Polen hatte ich erlebt, dass in der Nähe Grudziąz Bahnsteig- und Einstiegshöhe fast waagerecht zueinander waren und so bequem heraus- und eingegangen (!) werden konnte.

Hier wäre doch mal eine Standardisierung zwingend erforderlich. Vielleicht in der Weise wie es der RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) für die osteuropäischen, sozialistischen Staaten nicht nur im Bereich des Schienentransportbereiches vom Eisernen Zaun bis nach Wladiwastok schaffte! Es wird wohl aber eher ein Traum bleiben, wie so vieles in der Bundesrepublik zu reformieren wäre, naprimer (beispielsweise) mehr als 200 Krankenkassen, Bildung einheitlich für alle Bundesländer mit einem Verlag für das Schulwesen … So ist es derzeit möglich, dass in verschiedenen Gymnasien in einer Stadt verschiedene Lehrbücher (bisweilen sogar an einem einzigen Gymnasium) eingesetzt werden Ich denke, auf die in der BRD praktizierte Weise können sich im Dienstleistungsbereich viel mehr Firmen/Versicherungen etc. mit viel mehr Beschäftigten entwickeln als in zentral organsierten. Ob es gesamtvolkswirtschaftlich sinnvoll ist, scheint keinen (der Entscheidenden) zu interessieren. Nur so ist es auch möglich, dass laut Statista (https://de.statista.com) 2020 rund 70 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland von den Dienstleistungen erbracht wurden.

Mit viel Mühe bin ich nun im Zug angelangt, es gibt wieder die an der Decke fixierten Halterungen für drei Fahrräder. Da meins aber alleine ist, kann ich mir diese Arbeit ersparen. Ich setze mich zu einer schwarzhaarigen jungen Dame, sie heißt Deimante`, wie ein Diamant.

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Das passt doch …

Sie sprach gut englisch, denn sie lebte dort zwei Jahre mit ihrem Freund in England, arbeitete zeitweise an der Bar und einige Zeit auch in Köln. Wir unterhielten uns angenehm, und sie interessierte sich sehr für meine Reisepläne, wie man sieht!

Pünktlich kamen wir in Kaunas an . Vom Zug aus war schon eine Großstadt zu sehen. Riesige Kreisverkehre, teils zweigeschossig Straßenkreuzungen und riesenlange Autoschlangen. So werde ich es auch einige Stunden später in Klaipeda zur `rush our` erleben….

Deimante` wollte weiter mit dem Bus in ihren, zweihundert Kilometer nördlich gelegenen, Heimatort. Sie half mir beim Verlassen des Bahnhofs und zeigte mir den Weg zum Busbahnhof. Da sie sich aber auf dem Bahnhofgelände nicht auskannte, verhinderte ein Serviceangestellter des Bahnhofs, dass ich mit Fahrrad viele steil angelegte Treppen hinabsteigen müsste. Wir durchschritten einen großen Wartesaal, wie es ihn bei uns früher gab und kamen auf einen Radweg, der seitlich an dem Gebäude vorbei führte

Bahnhofswartesaal in Kaunas

Ich kam direkt an einem Veganbistro vorbei.

Veganbistro am Bahnhof von Kaunas

Hier werden in Kaunas die besten veganen Gerichte zubereitet, wie mir Matt und Ludas etwas später verrieten. Matt ist der Inhaber eines E-Bike-Shops und Ludas sein Freund. Schnell kamen wir ins Gespräch, aber wie genau ist mir rätselhaft, da ich doch so kontaktarm bin …

Prost mit Kambodscha

Ich erzählte etwas von meiner Tour und besonders Matt war als Chef eines E-Bike-Shops sofort beim Thema und gab mir den Tipp, unbedingt den Radweg an der Memel entlang fahren zu müssen.

Second planer and order food Matt

Ganz enttäuscht erfuhr Matt, dass ich mit dem Fernreisebus nach Klaipeda in einer Stunde fahren würde. Sofort gab es aber einen Gegenplan: Er empfahl bei der Hälfte an der Kreuzung der E 85 mit der E 77 auszusteigen und in Richtung Südwest über Taurage` zur Memel zu fahren. Die Fahrradroute an der Memel entlang bis Klaipeda wäre landschaftlich sehr interessant und es gäbe auch separate Radwege.

Это было похоже на праздник(’s war wie ein Feiertag), und es sollte den ganzen Tag (Dienstag., 08.06.22) so weiter gehen …

Die beiden mussten wieder zur Arbeit, nachdem mir Matt bei der Essensbestellung half. Ludas dachte inzwischen, ich wollte eigentlich nur entspannt zu Mittag essen.

Was machen die nun wieder?

Das Essen war wirklich lecker, abgerundet mit einem Bier, einfach köstlich.

Den zentralen Busbahnhof musste ich etwas suchen obwohl er nicht einmal 300 Meter entfernt vom Bahnhof lag. Ich vermied es, eine stark befahrene Straße zu nutzen und kam auf Nebenstraßen ich an einen riesigen Wochenmarkt vorbei.

Busbahnhof in Kaunas

In allen Fernreisebussen stand WIFI zur Verfügung (!) und so reservierte ich aus dem Bus heraus ein Hotelzimmer im NAVALIS in Klaipeda. Ich hatte erneut Glück, da dieses Jazz-Hotel weniger als einen Kilometer vom zentralen Busbahnhof entfernt lag. Übrigens, wegen des Fahrrads war der Busfahrer des Luxus-Bus-Unternehmens EUROLINE nicht erfreut. Rumanka hatte die Fahrradmitnahme in Marijampole bereits reserviert, und so fand sich auch im Gepäckraum ein geeignetes Plätzchen.

Hier in Litauen wird offensichtlich vieles praktikabel organisiert: An einer Haltestelle in einem Vorort von Kaunas hielt der Busfahrer an und übergab an einem wartenden Mann ein großes Paket. Ich dachte Schnelllinie, wenn das so weiter geht … Aber falsch vermutet. Die erste weitere Pause gab es knapp zwei Stunden später Es gab an einem Kreuzungspunkt neben der Autobahn, abzweigend in Richtung Tilsit/ Sowjetsk einen kleinen Umsteigepunkt, wirklich gut durchdacht (hier empfahl mir MATT auszusteigen). In Kaunas war ich bereits überrascht, als ich den riesigen modernen Buskomplex mit Shopping Mall und 20 Bahnsteigen sah. Ich bemerkte später ebenfalls, dass das Busnetz in allen drei baltischen Ländern gut miteinander vernetzt, sehr servicefreundlich (WIFI, Fahrradmitnahme ) und sehr dicht ausgebaut war.

Ich fand wie bereits erwähnt ohne Ortskenntnis und ohne Umwege das etwa. 600 Meter vom Busbahnhof entfernte JAZZ-Hotel Navalis. Das E-Bike fand einen von Musikern bewachten Platz.

Hier muss sich das Rad wohlfühlen, seht ihr es?

Das Hotel ist einschließlich der Zimmer sehr geschmackvoll eingerichtet und atmet Jazz-Atmosphäre, leider heute nicht live.

Mein noch aufgeräumtes Zimmer



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Rezeption, mal anders

Bei der Anmeldung war ich allerdings sehr überrascht, ich sollte einen Zettel ausfüllen: Wann will ich frühstücken? Von 7.30 bis 8.00 oder ab 8 oder ..…. Was will ich essen? Wirklich mit allen, ja allen Details. … In den anderen Hotels nahm ich mir stets einen kleinen Rucksack mit, schmierte mir etwas (zusätzlich) für den Tag. Das würde ich wohl hier vergessen können.

09. Juni, Donnerstag, Klaipeda

Und so war es, das ‚personality breakfast‘ wurde nach dem (pünktlichen) Erscheinen angefertigt. Es war wirklich lecker und die Platzreservierung war wegen der beschränkt vorhandenen Sitzplätze sinnvoll und notwendig.

Am nächsten Morgen fotografierte ich das Hotel von außen

NIRVANA, für Buddhisten ein Zustand der Vollkommenheit

Am Nachmittag bin ich mit dem E-Bike zu einer kleinen Stadtrunde gestartet. In der Nähe des Hafens befindet sich der Theaterplatz und hier lockte ein Irish Pub. Ich trinke sehr gern Tullomore Dew und wenn ich es ermöglichen kann, versuche ich:

`Drink a pind of Guiness once a month.

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Irish pub in the near of the port

Es war noch früh am Abend, so kurz nach 17 Uhr. Neben mir waren drei Gäste oder besser GästInnen oder wie schreibt man das jetzt? Zurück zum Alltag: Mit Genehmigung des Hotelpersonals darf ich im Hotel am Reisebericht weiter schreiben, schön Mittag essen und danach mein Zimmer räumen!

Was war gestern Abend? Vor 50 Jahren feierten Monika und ich mit vielen Gästen Polterhochzeit im Greifswalder Studentenwohnheim. Einige Verwandte hatten sich bereits zu kleine Runde in einem Klubraum eingefunden.

Der Sachverhalt Polterabend hatte sich schnell herumgesprochen. Ein Student nahm eine leere Mülltonne im Bereich des Treppenaufgangs im Erdgeschoß und verursachte mit Deckel erheblichen Lärm!

Ihr könnt Euch vorstellen vier Stockwerke, was da so an Müll und Schrott zusammen kommt. Ich organisierte Zehnerkolonnen, um nicht noch zur Hochzeit Müll wegtragen zu müssen. Es ging immer ‚ vor – zurück- zur Seite – ran und eins und zwei und … Unvergesslich. Und am nächsten Tag nach der Trauung im Rathaus ging es in das CDU, nicht wie ihr vielleicht denkt, richtig hieß es:

Clubhaus der Universität….

Und abends mit einem kurzfristig organisierten Studentenmusiker mit einem Bus weiter nach Breesen, dem Wohnort von Monikas Eltern. Nach ausgiebigem Feiern, Tanzen, stand up comedy (würde man heute sagen) kam ich dann am 10.Juni 1972 ab 09.30 Uhr für eine halbe Stunde in ein (eigenes) Bett zwischen

a n d e r e n Personen, nicht der Jungvermählten…..soweit zum Mythos Hochzeitsnacht.

Nun muss ich wohl dringend beantworten: Wie kommt einer, der offensichtlich nicht ohne Erinnerung ist, darauf, den Tag der GOLDENEN HOCHZEIT ohne Ehefrau alleine in der Fremde zu verbringen?

Monika, meine Gattin wie Ihr bereits wißt, wollte aufgrund der aktuellen, angespannten politischen Situation nicht in das Baltikum mit PKW reisen. Auf das einwöchige Klassentreffen in Pärnu-Estland zu verzichten, war keine Option für mich. Und das, obwohl inzwischen der Umzugstermin von Tochter Katja in unsere Einliegerwohnung auf den 22.06.2022 feststand. Es sei mir hier gestattet, weitere persönliche Erläuterungen nicht vorzunehmen…

Was mach ich also an unserem Jubiläumspolterabend? Kleine Radrunde. Klaipeda liegt am Wasser, also nichts wie los…

Mehrere verzweigte Flussarme bieten viele Anker- und Sichtmöglichkeiten.

Es ging weiter in den Hafenbereich und ich sehe, wie ein litauisches Mädchen ihren Liebsten verabschiedet.

Skulptur an der Dame-Mündung

Ein paar Meter weiter ein Liebespaar …

Abschied und Willkommen

Ich sprach beide an. Er hat deutsche Vorfahren und heißt Igoris Bauer, kann aber leider kein Wort deutsch

Es entwickelte sich ein sehr interessantes Gespräch, in dem ich meine persönliche Verbindung zu diesem Tag „offen legte“. Ich zeigte ihnen mein (illegal) aufgenommenes Foto, über das sie sich sehr freuten, kannst du es uns senden? Kontaktaustausch und Fotos am Memorial. Später stellte sich heraus, dass die beiden ebenfalls im Hotel Nirvana zu Gast waren!

Wir trennen uns nicht

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Großsegler MERIDIANAS

Auf der Rückfahrt in das Hotel bin ich noch einmal an dem beeindruckenden Segler vorbeigekommen und habe Günter Wagner getroffen. Nach dem Schnappschuss plauderten wir noch über unsere Unternehmungen. Er ist mit einer Reisegruppe und Bus unterwegs. Sie wollen bis Tallin fahren, allerdings etwas schneller als ich. So eine etwas längere Fahrradtour will er sich als Rentner auch noch vornehmen. Er fand meinen Mut gut und wünschte mir bestes Gelingen und gute Heimkehr.

10. Juni, Freitag, Fähre Klaipeda-Kurische Nehrung; Nida

Wie bereits beschrieben, wird im Navalishotel das Frühstück für jeden Gast nach Bestellung gefertigt. Es war wirklich lecker. Nach dem Frühstück habe ich mich etwas separat gesetzt, um an meinem Reisebericht weiter zu arbeiten. Hatte ich doch so etwa zwei bis drei Tage nachzuarbeiten. Es lief auch zunächst ganz gut, bis zwei Herren dazu kamen; offensichtlich wollten sie einen lustigen Abend in einer Bar nachbearbeiten, möglichst in flüssiger Begleitung. Ich konnte mich dem Gespräch nicht entziehen und wurde gebeten, zu ihrem Tisch hinüberzukommen. Feste feiert man wie sie fallen.

Wladimir ist russischer Staatsbürger, spielte Theater in Braunschweig in den 90ern, wenn ich mich recht erinnere und reist den Augenschein nach jetzt durch die Welt. Der andere Hellmuth, ist Litauer und sprach als Fremdsprache russisch. Wir redeten über alles Mögliche, natürlich kam hier auch die russische Sicht auf den Russland-Ukraine-Krieg zum Tragen. Hellmuths Vater war als litauischer Oppositioneller ab Anfang der 70er Jahre in Karaganda für 20 Jahre hinter Gittern. Ich habe nicht ganz unwillig etwas mitgetrunken, und so war es schnell nach 11 Uhr. Mein Zimmer war noch zu räumen und die Arbeit am Text…!

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Auf das Leben und die Liebe …

Etwas nach 11 Uhr war genug. Einer musste sich ruhen und Wladimir wollte mit seiner Barbekannten vom gestrigen Abend shoppen, so ist das wohl heute … Ich deutete die Situation zumindest so. Er hatte bereits drei Anrufe erhalten, weibliche Stimme zunehmend genervt:

Я жду в магазине(Ich warte im Laden)



Mir war bereits aufgefallen, dass in Klaipeda viele Litauer noch russisch sprechen und auch viele Russen verbringen dort ihren Urlaub oder kommen direkt aus dem Kaliningrader Gebiet.

Nach Absprache mit dem Servicepersonal hatte ich Aufschub wegen des Räumens des Zimmers, konnte weiterschreiben und noch einen leckeren Lunch einnehmen.



Das sieht doch gut aus?

Nach 15 Uhr fuhr ich in Klaipeda zur Fähre. Die Abfahrt um 16 Uhr verpasste ich knapp. So hatte ich genügend Zeit, mich mit dem Zahlautomaten zu beschäftigen. Es sei hier erwähnt: In Litauen werden die Kassensysteme sehr darauf eingestellt, dass jeder Kunde seine Ware selbst einscannt und ohne Kassiererin per Karte oder cash bezahlt. In Nida waren am nächsten Abend nach 20 Uhr die Kassen nicht mehr besetzt, jeder Kunde gab selbst seine Warencodes ein, teils bildhaft, teils per Textbutton. Einer Mitarbeiterin des Ladens fiel sofort meine Unsicherheit auf, und sie übernahm freundlicherweise das durch mich ohnehin nicht zu bewältigende.



Auf der Fähre hatte ich ein kurzes Gespräch mit einem jungen Litauer, der mir auch gleich Tipps für die Radwege gab. Der gesamte Radweg war über die 55 km bis Nida zwar durchgehend gut beschildert, an manchen Stellen war die ursprünglich vorhandene dünne Asphaltdeck völlig verwittert und es war jedoch über große Abschnitte eine ziemlich holprige Fahrt mit, teils sehr engen, Kurven. Höchste Aufmerksamkeit war gefragt. Ich begegnete einzelnen Radlern und zweimal geführten Radgruppen. Im ersten Drittel fuhr ich kurz neben der, zur Ostsee zugeneigten, Düne durch junge Landschaft.

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Wanderdünen auf der Kurischen Nehrung

Auf den Sandflächen siedelten sich Moose und Flechten an, gelb strahlender Ginster setzte Farbtupfer in die Landschaft, wie wir es auch im Norden Deutschlands kennen. Als sich später hoher Kiefernbestand entwickelt hatte, breiteten sich auch ganze Blaubeerwiesen aus. Bald kamen auch Eichen hinzu und einmal sah ich Bereiche, in denen Wildschweine nach Nahrung die Erde durchwühlt hatten.

Nach gut 30 km kam ein Parkplatz, Gelegenheit zum Ausruhen nicht nur für Kraftfahrzeuge sondern auch für kräftig Radelnde. Ein Getränke- und Eisstand kam wie gerufen, hatte ich es doch versäumt, mir Getränke mitzunehmen..

Endlich Pause nach etwas mehr als 30 km

Nach einer kleinen Trinkpause ging es frisch gestählt in Richtung Nida weiter. Der Weg schlängelte sich durch die schmale Insel. Links sah ich ältere sehr hohe Dünen, die sogenannten „Grauen Dünen„. Sie verliefen neben dem Fluss Memel auf der ostseeabgewandten Seite.

Es erschienen links an der Boddenküste mehrere geschmackvoll angelegte Feriendörfer. Einmal fiel mir ein einzelnes Gebäude auf, das denen glich, welche typisch für den Spreewald sind.

Der von mir gesuchte Campingplatz liegt etwa 2 km hinter dem Ortszentrum von Nida. Nach einigem Erfragen und Fehlversuchen fand ich ihn. Einer dieser „Fehlversuche“ führte mich sehr steil auf einer Asphaltstraße immerhin auf über 50 m Höhe an den Rand der Wanderdünen. Vom Campingplatz war nichts zu sehen und ich bekam mit, dass die Straße zu einem Parkplatz oberhalb von Nida führte. Ich genoss natürlich erst den wundervollen Ausblick auf die Nehrung bis hinüber zum russischen Teil.

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Wanderdünen von Nida mit Blick nach Südwesten

Leider kann in meinem Navigationssystem nur der Ort ohne konkrete Adresse eingegeben werden. So hatte ich mich erneut damit herum gequält, eine konkrete Adresse zu finden, obwohl besonders hier nicht besonders viel Gebäude standen. Am Campingplatz angekommen, musste ich erfahren, dass sie trotz Vorreservierung meinerseits kein Zimmer für mich hatten. Es gab allerdings in der Nähe eine Appartementwohnung für mich.

Die andere Alternative war mein kleines Ein-Mann(Frauen)-Zelt. Diese Karte wollte ich erst später ziehen, und so entschloss ich mich, in einem Bett unter festem Dach zu schlafen.

An der Unterkunft angekommen, zeigte sich, dass mein Gepäck, die zig-Kilometer Rütteltour nicht optimal überstanden hatte. Aber wichtig war, alles noch drauf, aber extrem verschoben:

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Das Gepäck sicher verstauen, klappt leider immer noch nicht

Von der Apartmentwohnung war ich sehr enttäuscht: Kein Spülmittel, kein Abwaschlappen, keinerlei Gewürze, Öl oder Essig. Manche werden sich bereits jetzt fragen, wo schaut denn Reiner als erstes hin? Lediglich ein bisschen Geschirr war da. Ich werde später beispielsweise in Kuldīga einen ganz anderen Service erleben. Ich werde später von anderen Reisenden bestätigt bekommen, dass Nida leider ein sehr teurer nur auf Touristen orientierter Ort mit nur geringem Service „verkommen“ ist.

Nach dem Gepäck entladen fuhr ich zu einer kleinen Ortsbesichtigung und zum Einkaufen los.

Nida und nähere Umgebung

10. Juni, Freitag, Nida und Grenzübergang

Mein Besuch auf dem Aussichtspunkt, der mit 52 Metern zweit höchsten Wanderdüne, habe ich am nächsten Tag natürlich in Ruhe noch einmal wiederholt. Die Skulptur, die den sich gegen den Wind stemmenden Mann darstellt, wurde 2018 gefertigt und basiert auf einem historischen Foto aus dem Jahre 1908.

Auf den Wanderdünen

Hier ist mir auch erstmals aufgefallen, dass mit umfangreichen Faschinenbau aus Ästen und Zweigen versucht wird, die Abtragsböschungen vor Winderosion und Abrutschungen zu schützen (vergleich linkes Foto rechts hinter der Skulptur). Später werde ich dieses Vorgehen in den Ostseestrandbereichen von Palanga und Klaipeda in erheblichem Maße wieder sehen. Soweit ich weiß, wird diese Technik in Deutschland nicht so häufig zum Schutz bestehender Strandabschnitte eingesetzt. An den Küsten der deutschen Nordseeküste hat sie sich meines Wissens bei der Landgewinnung sehr bewährt.



Die Landzunge am oberen Bildrand ist schon russisch

Es regnete leider bis nachmittags um drei und, wenn ich nicht unbedingt im Regen fahren muss, lasse ich es gerne aus. Gegen 15 Uhr ging es zunächst in Richtung Grenze los. Auf der Fahrt fiel mir etwas ein, scheinbar absonderliches, aber nach genauem Überlegen doch Richtiges:

Ich fahre an eine südliche Grenze der EU zur Russischen Föderation. Stimmt doch, bei südlicher Grenze der EU hat man doch ganz andere Vorstellungen, so in Richtung Mittelmeer…oder so? Das ist doch wirklich eigenartig.

Kurz vor der Grenze tauchte in wenigen Metern Abstand vor mir auf der Straße ein sehr junges Rehkitz auf. Es war sehr erschrocken und verschwand gleich wieder. Sicherlich ein sehr ungewöhnlicher Besuch meinerseits, denn seit den westlichen Sanktionen ist diese Grenze wirklich d i c h t !

Als Verkehrszeichen war Einbahnstraße (Verbot in Richtung Grenze) ausgewiesen. Für mich schon etwas überraschend.

Eine Aufnahme in Grenznähe musste aber sein, eventuell auch verbotenerweise?

Grenze zu Russland

Bei meinem Rundgang(besser -fahrt) besuchte ich Museen, z. B ein Bernsteinmuseum:

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Bernsteinmuseum Nida



Ich war bisher schon drei Mal an diesem Schild vorbeigefahren, ohne dessen Bedeutung zu erfassen…?

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Hinweis auf das Thomas Mann Museum

Nach längerem Suchen fand ich das Thomas-Mann-Museum. Ich hatte obiges Schild vorher noch nicht bemerkt. Zu Haus, welches sich oberhalb eines Hanges befand, führte eine steile Treppe hinauf. Es waren auch einige Besucher zu sehen, was mich vermuten ließ, dass ich das gesuchte Museum gefunden hätte. Ich wurde aber irritiert, da neben der Treppe zahlreiche künstlerische Naturfotos angebracht waren, die den Schluss provozierten, zu einer Fotoausstellung eingeladen zu werden. Im Haus selbst bemerkte ich erst, dass ich es gefunden hatte.

Eine größere Gruppe etwas älterer Franzosen, war gerade bei dem Literaturnobelpreisträger zu Gast.

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Sommerhaus auf dem Schwiegermutterberg

Er war von dem „Italienblick“ so begeistert, dass er 1929 beschloss, sich hier sein Sommerhaus errichten zu lassen. Von 1930 bis 1932 verbrachte er mit seiner Familie drei glückliche Erholungs- und Arbeitssommer. Bekanntlich musste der Nobelpreisträger 1933 Deutschland wegen der Nazis verlassen.

Ehe und andere Lebensformen …

Der Bruder von Thomas Mann, Heinrich Mann, lebte Anfang des 20. Jahrhunderts ohne festen Wohnsitz in Frankreich, Italien, Berlin und München in häufig wechselnden Beziehungen zu Frauen. Thomas hingegen lebte in einer Ehe mit Frau Katharina Hedwig „Katia“ Mann, geb. Pringsheim, und ihren sechs Kindern.

So ist auf obiger Schautafel im Museum folgendes Zitat von Thomas gegenüber Heinrich zu lesen:



Ich füge hier noch einige Impressionen von meinem heutigen Nida-Rundgang an.

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20220609_203812.jpg Picture 2 Nida-Blicke



11. Juni, Samstag, Überfahrt nach Ventainė, erste Zeltübernachtung

Pünktlich um 10.30 Uhr legte die Ventainė- Fähre über die Memel auf das Festland ab. Mit mir fuhr Rüdiger aus Malchin. Er ist Amateurornithologe und wollte sich mit Rad in der Vogelwelt auf dem Festland umsehen. Er besuchte bereits 2018 und 2019 den russischen Teil der Kurischen Nehrung. Er war damals von der Ursprünglichkeit genauso beeindruckt, wie davon, dass einige deutsch sprachen und auch manche sogar das ostpreußische Platt noch beherrschten

Auf der litauischen Seite war durch die sehr stark ausgeprägte Kommerzialisierung in der Tourismusindustrie diese Ursprünglichkeit verloren gegangen, was er leider auch an der nicht vorhandenen Vielfalt der Vogelwelt beobachtete. Er war mit einem Campingmobil in Nida und interessierte sich sehr für meine Raderfahrungen und nahm sich das auch mal vor, eine längere Tour mit dem Fahrrad zu unternehmen.

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Auf der Fährüberfahrt

In Ventainė, einem kleinen Hafen auf dem Festland gegenüber von Nida, gibt es so wenig Schiffsverkehr, dass sich die Teichrosen sogar im Hafenbecken wohl fühlen.

Kleiner Hafen Ventainė

Neben dem gut ausgebauten Campingplatz lädt ein Restaurant mit einem malerischen Blick über die Memel hinüber zur Kurischen Nehrung zum Verweilen ein.

Restaurant VENTAINĖ

Die Kellnerin Januta betreute mich mit ihrer Kollegin freundlich und das Mittagessen schmeckte. Sie half mir darüber hinaus beim Nachladen des Tablet-Akkus.

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Sie möchten einen charger?

Bei meiner Abfahrt aus Ventainė stellte sich heraus, dass der E-Motor nicht arbeitete bzw. die Steuerung über das Navisystem ausfiel. Es halfen weder ein- noch ausschalten und reloaden brachte ebenfalls keine Besserung. Ich spielte schon in Gedanken damit, den ADAC wegen Pannenhilfe anzurufen, obwohl es samstags war. Ich wollte aber noch bis zu einer größeren Stadt fahren, wo ich leichter für die Pannenhelfer zu finden wäre.

Plötzlich sah ich auf der rechten Seite Rüdiger aus Malchin. Er ruhte sich im Schatten neben einem alten Friedhof aus. Gab mir, aus Erfahrungen mit dem E-Bike seiner Gattin, den Tipp das Navigationssystem völlig herunter zu fahren. Und es funktionierte wieder. Ich war erleichtert!

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Unerwartete Hilfe aus Malchin

Neben einigen Störchen, die er auch zu Hause bewundern könne, auf der Nehrung aber vermisste, habe er hier den sehr seltenen Wiederhopf gesehen, worüber er sehr froh war. Mit den besten Grüßen und Wünschen verabschiedete er mich erneut.

Wenige Kilometer weiter besuchte ich das sehr bekannte Moorgebiet Aukstumala, welches der bekannte deutsche Biologe, Prof. C.A. Weber, 1902 erstmalig wissenschaftlich beschrieb.

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Das Moor von Aukstumola

Die weitere Fahrt verlief landschaftlich sehr abwechslungsreich. Das große Mündungsgebiet der Memel ist sehr wasserreich; kleinere Flüsse wechseln sich mit Seen ab. Zum Teil werden ehemalige Moore trocken gelegt. Im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung wird zwar immer wieder verkündet, dass renaturierte Flächen besser die Feuchtigkeit halten und Kohlendioxid binden würden und im großen Maße die Klimaerwärmung bremsen könnten.

Im Mündungsgebiet der Memel

Nach einer kleinen Pause in Śilute ging es weiter auf den Weg nach Norden mit dem Ziel Kuldīga in Lettland. Auf einem Zeltplatz in Plungé wollte ich evtl. übernachten. In Saugos bog ich nach rechts ab in Richtung Norden ab. Nach wenigen hundert Metern fiel mir eine Reklame für einen Weinladen an einem einzeln stehenden Grundstück auf. Zeit, um Pause zu machen, eigene Kräfte und die Batterie aufzuladen. In Deutschland wäre das an einem Samstagnachmittag vielleicht nicht möglich, hier scheint es aber im Verkaufsbereich kaum Freizeit zu geben.

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Ceslovo Ramoskos, Weinherstellung seit Generationen in Litauen …

Wie sich am nächsten Tag zeigen sollte, öffnen kleine Läden in einem kleinen Ort am Sonntag sogar um 07.30 Uhr und schließen erst um 23.00 Uhr(!). Am nächsten Tag werde ich mich über diesen Sachverhalt sehr freuen, wie ihr bemerken werdet.

Ich hatte einen Weinladen, mit in Litauen selbst hergestellten Weinen, erreicht. Probierte einen dieser sehr gut schmeckenden Rosèweine, erhielt Tee sowie eine kleine Betriebsbesichtigung. Seit einigen Generationen wird hier die Weinherstellung betrieben. Freundlicherweise erkundigte sich die Ehegattin bei einem Campingplatz in Plungé nach Verfügbarkeit und Preisen für einen Bungalow. Sie haben nur Bungalows, die über bis zu 6 Betten verfügen und demnach auch für einen allein Reisenden 78 € kosten würden…

Auf meiner Weiterfahrt verpasste ich in der Ortschaft Sveksna leider eine Abfahrt, wurde aber dadurch Zeuge eines romantischen Augenblicks. In einem der in diesem Landstrich sehr seltenen Landgasthöfe wurde Hochzeit gefeiert. Ich sah die Fotozeremonie an einem kleinen See in einem wunderschönen kleinen Park.

.just married, bye the way …

Der Umweg betrug so etwa 25 Kilometer, das Navigationsgerät verweigerte mir immer eine vernünftige Zieleingabe, oder ich packte es einfach nicht. Aber als am nächsten Tag Valdas, ein deutsch sprechender Litauer, der in Deutschland einige Jahre Landwirtschaft studierte, meinen nächsten Zielort Mažeikiai (ehemals Moschelken) eingab, führte mich das Navi etwa 25 km richtig und wollte danach aber immer, dass ich von der Fernverkehrsstraße abbiegen sollte. Und das lag nicht daran, wie einige vermuten könnten, an einem für Räder besser geeigneten Fahrweg. Das Ziel, in welches mich das Navi führen wollte, war offensichtlich ein anderes. Ich vertraute hier eher den Verkehrshinweisen. Ich freute mich über den geringeren Verkehr, wie es normalerweise stets an den Wochenenden der Fall ist.

Plötzlich knallte es laut und mein Fahrrad erhielt eine leichte Erschütterung. Ich konnte aber auf dem schmalen etwa 0,5 bis 1 Meter breiten Randstreifen bleiben, obwohl ich leicht weggerutscht war. Was war passiert? Ein mich überholender PKW hielt ein paar Meter weiter an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Es war ein junger Schwede, der mit dem rechten Außenspiegel von seinem SAAB meinen Spiegel erwischte. Da diese, seit einigen Jahren bei Berührungen automatisch einklappen, war die Kollision für mich glücklicherweise ohne größere Folgen. Dem jungen Mann war das Vorgefallene offensichtlich peinlich, er übersah wie er mir gegenüber sagte meinen Außenspiegel (?!). Ich zeigte ihm an, dass er, ohne Gegenverkehr beachten zu müssen, viel zu knapp an mir als Radler vorbeifuhr, was er schließlich einsah.

Zurück aber zum Samstagabend. Durch den Umweg bestand keine Chance mehr, in die Nähe vom noch ca. 80 Kilometer entfernten Plungè zu kommen. Es war auch inzwischen nach 17 Uhr.

Ich fuhr in Richtung Kvédarma auf Nebenstraßen. Mir fiel auf, dass es keine touristische Infrastruktur wie z.B. Hotels, Pensionen oder Privatquartiere gab. Die Weinverkäuferin empfahl mir, erst in Richtung Westen zur Ostseeküste zu fahren. Dort würde ich leichter Unterkunft finden, meinte sie. Nun weiß ich, dass sie Recht hatte. Es blieb nur, mein Zelt auf einem Bauernhof oder in der freien Natur aufzustellen. Viele bellende Hunde bewachten aufmerksam und lautstark ihre Reviere, und so erschien es mir wenig sinnvoll, an einem dieser Höfe darum zu bitten, mein Zelt aufstellen zu dürfen. So blieb mir nichts anderes übrig, als unter einer Baumgruppe abseits der Straße nach 21.30 Uhr mein Glück zu versuchen. Unter den Bäumen versteckte sich ein nicht umzäuntes Grundstück, auf dem mehrere sehr alte Holzhäusern standen und an einem kleinen Teich einige Beete angelegt waren. Die Häuser waren mit Vorhängeschlössern gesichert. Möglicherweise nutzen Einheimische diese Fläche als Wochenendgrundstück, dachte ich mir. Da es bereits etwa 22 Uhr war, entschloss ich mich – auch ungefragt auf fremden Grundstück -, das Zelt aufzubauen und früh zeitig wieder zu verlassen. Der Vollständigkeit halber möchte ich nur erwähnen, dass ich in dieser Nacht meinen Akku nicht nachladen konnte. In den nächsten Tag werde ich also ohne Batteriehilfe starten müssen!

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Ich baute schnell mein kleines Zelt auf und schlief nach einem kleinen veganen Abendbrot (Tee, Birnen und Pfirsiche) ein. Gegen 4.45 Uhr weckte mich das Morgenlicht, und ich nahm das kleine Paradies wahr:

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Mein Nachtquartier, ein idyllisch gelegener ehemaliger Bauernhof mit Teich und Garten



12. Juni, Sonntag, Fahrt nach Mazeikiai, Grenzort zu Lettland

Meine Sachen waren schnell eingeräumt und die ursprüngliche Idylle wieder hergestellt. Nach wenigen Kilometern stellte ich fest, dass ein Straßenbaustellenschild mit dahinter liegender breiter Stein- und Schotterfläche mir Stress bringen könnte. Das bewahrheitete sich leider auf den nächsten knapp 20 Kilometern! Meine Batterie war nur zu etwas weniger als 30 Prozent gefüllt. Nachlademöglichkeit war nicht in Aussicht. Ich fuhr also die hügelige, teilweise mit engen Kurven versehene Strecke ohne E-Motorhilfe, weil ich verhindern wollte, dass Navi und Licht zusätzlich ausfallen.

In Litauen sind die Nebenstraßen häufig als Schotterpisten angelegt

Zugegeben, kein Foto kann meine beschwerliche Fahrt nachvollziehen. An den Seiten war der Sand sehr tief und weich. Es war Sonntag und glücklicherweise sehr wenig Verkehr. Die wenigen Autos hinterließen Staubwolken. In engen Kurven war es besser, ob Links- oder Rechtskurve, immer „oben“ zu bleiben, man rutschte nämlich immer weiter nach unten in den sehr weichen Teil mit hoher Rutschgefahr (Rad und Gepäck wiegen etwas mehr als 30 kg). Wie ich etwas später an einer einzelnen Radspur bemerkte, befuhr mein Vorgänger die Piste mit ähnlicher Kurventechnik. Selbstverständlich war ich in diesen Abschnitten besonders aufmerksam. Es war aber auch vorteilhaft, dass sich mögliche andere Fahrzeuge weit vorher durch eine Staubwolke oder durch besonders laute Geräusche bemerkbar machten.

Als die Autobahn E 85 von Klaipeda nach Kaunas meine Nebenstrecke auf einer Brücke überfuhr erhielt „mein“ Schotterweg eine Asphaltdecke. Meine Freude währte aber nur kurz. Hinter der Brücke kam sie schnell wieder, die Schotterpiste. Was soll’s. Ich wollte Abenteuer, und ich bekam es!

Kurz vor der kleinen Gemeinde Laukava begann wieder die Asphaltstraße. Der Ort erwachte bereits zaghaft, obwohl es sonntags erst kurz nach sieben Uhr war. Ich suchte vergeblich nach einer Batterielademöglichkeit. Ein hilfsbereiter Litauer verstand wohl mein Problem. Eine russisch sprechende Frau sagte, dass sie beide helfen können.

Ein Lebensmittelladen öffnete pünktlich um 07.30 Uhr. Ich vermutete, dass ich dort befindliche Steckdosen würde nutzen können. Es tat sich aber nichts und zu aufdringlich und ungeduldig wollte ich auch nicht sein. Ich wartete geduldig, auch das ist bei mir möglich!

Es zeigte sich später, dass sie in einem kleinen Dorfgemeinschaftsbereich (eine Überdachung mit darunter befindlichen Tischen und Bänken) mehrere, unter Spannung liegende, Steckdosen vermuteten. Und es klappte! Ich hatte nunmehr ca. drei Stunden Pause, um einzukaufen, zu frühstücken, Handy und Tablet nachzuladen und mich im Dorf umzusehen.

Litauische Bauernhäuser Jungstorch auf Futtersuche

Nach dem Frühstück besuchte ich noch die Dorfgemeinschaft bei ihrem sonntäglichen Gebet.

Gut besuchter Gottesdienst

Etwas nach zehn Uhr verließ ich das mir – angenehm in Erinnerung bleibende – Dorf und fuhr weiter in Richtung Rietavas. In dieser kleinen Stadt sah ich eine Gaststätte am Rande des Hauptplatzes. Ich setzte mich separat an einen Tisch. Nach wenigen Minuten nahmen drei junge Männer vom Nachbartisch mit mir Kontakt auf und baten mich, sich zu ihnen zu setzen.

Mittagessen mit Valdas, Tomas, und Mariusz

Sie saßen im Außenbereich einer Gaststätte unter Schatten spendenden Bäumen und waren sehr über mein Equipment überrascht, befragten mich nach meinem Vorhaben. Nach einem Tischtennisturnier, bei dem sie einen zweiten und einen dritten Platz errangen, hieß es gemeinsam zu Mittag zu esen. Alle sprachen englisch und Valdas hatte Deutsch gelernt in seinem Landwirtschaftsstudium in der BRD. Falls ich auf meinem Rückweg hier in der Nähe vorbeikomme, würden wir uns sehen und auch ein bisschen Tischtennis miteinander spielen.

Nach der wohltuenden Pause ging es auf die nächsten etwa 80 km. Ich fuhr durchgehend auf der Fernverkehrsstraße, aus den Fehlern des Vortages lernend.

Plötzlich knallte es ziemlich laut, und ich erhielt einen Ruck. Zu meinem Glück konnte ich mich auf dem ca. ein Meter breiten Randstreifen neben der eigentlichen Fahrbahn halten. Ein vorbeifahrender PKW hatte meinen Außenspiegel berührt, er hatte in etwa eine Geschwindigkeit von 100 km/h. Der Fahrzeugführer hielt an, erkundigte sich nach meinem Befinden und entschuldigte sich. Es war ein jüngerer schwedischer SAAB-Fahrer, der nach seinen Worten meinen Außenspiegel übersah. Ich sagte nur, so dicht überhaupt einen Radler zu überholen und noch ohne Gegenverkehr zu haben. Dem könne auch mal ein unbeabsichtigtes Lenken passieren, Sicherheitsabstand ist deshalb dringend einzuhalten. Ich verneinte seine Frage, ob er sonst noch irgendwie helfen könne. Er fuhr weiter, nachdem er besseres Fahrerverhalten versprach. Glück gehabt! Das erste Mal auf dieser Tour brauchte ich einen Engel.

Mein Hotel in Mažeikiai (dieses Mal nicht verschrieben; ausgesprochen in etwa maseitsche, das ei in etwa wie bei Mariellsche (ostpreußische Mundart war mir durch Oma Minna sehr vertraut, Betonung auf der 2. Silbe) habe ich dank der Hilfe zweier jungen Damen schnell erreicht. Ich sprach sie auf ihren Rädern an. Sie kannten weder das Hotel noch die zu findende Straße und hatten etwas anderes vor. Dennoch geleiteten sie mich mit Google Maps sicher zum Hotel, das sich in einem Vorort in einer Nebenstraße befand. Die Uhr war inzwischen deutlich nach 21 Uhr und ich bin mir nicht sicher, ob ich mit meiner Bitte in Deutschland auch so viel Gehör finden würde. Und das bei Jung und Alt! Ich bin beeindruckt und dankbar zumal mich diese Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft auf vielfältige Weise auf der ganzen Tour begleiten wird!

Ich war doch sehr, sehr geschafft. Ob es vorwiegend die zunehmende Wärme, die zu verarbeitende Kollision oder vielleicht auch einsetzende Entkräftung war? Wer weiß. Meine Augen flimmerten etwas, leichte Kopfbeschwerden hatte ich und, das Gepäck anfangs tragend, stieß ich mit meinen Füßen ab und zu gegen eine Treppenstufe, was den älteren Portier veranlasste, mir einen Teil des Gepäcks abzunehmen.

Es ging so schnell wie möglich ins Bett und kurz nach 5 Uhr begann ich mit dem Notieren meiner Reisebeschreibungen. Offensichtlich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, wie ich leider am Dienstag, den 14. Juni feststellen musste. Ich hatte ganz erheblich viele Tippfehler sowie Ausdrucksschwächen bemerkt, die ich natürlich sofort korrigierte. Eigentümlicherweise betraf es besonders die beiden Buchstaben c und x. Mit etwa 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit „schlich“ sich für den Buchstaben c das x ein. Als ich das bemerkte, arbeitete ich intensiv an der Fehlervermeidung. Im ersten Bemühen schaffte ich es, die Fehlerquote auf geschätzte 40 Prozent zu verringern. Das ist wohl eher nicht als Erfolg zu verbuchen! Man könne ja schließlich bei dem geschriebenen Wort „sxhlext“ ziemlich schnell vermuten, was ich ursprünglich meinte.

Oder wie ich es auch manchmal Freunden empfehle: Falls Euch ein Buchstabe in einem Wort missfällt, schaut auf die Tastatur und sucht euch statt diesen Buchstaben einen direkt daneben liegenden anderen aus, der besser hineinpasst

13. Juni, Montag, Fahrt nach Kuldīga, etwas abenteuerlich

Das Hotel lag in einem vor etwa 40 Jahren gegründeten Stadtteil. Eine erst kürzlich erbaute Brücke über Eisenbahnanlagen erforderte eine enorme physische und psychische Anstrengung.

Auf separatem Radweg durchfuhr ich den vorderen Brückenkopf und schloss – navigationsgeführt -einen Kreis durch ein Gewerbegebiet an. Ich kam wieder zu der großen Kreuzung vor dem gewaltigen Brückenbauwerk. Auf der rechten Seite gestartet und auf der anderen Seite angelangt. Dazu hätte ich auch den Fußgängerüberweg an der Kreuzung nehmen können, dachte ich so. Das Navi wollte mich erneut auf diese Schleife führen. Nicht mit mir! Ich fragte also einen Mann, der mit seinen beiden Kindern vor mir fuhr. Wieder die Straße hinunter. Unten angekommen, traute ich meinen Augen nicht! Er nahm sein Rad und das des jüngeren Kindes und stiefelte los – direkt über zwei hintereinander verlaufende Hauptschienengleise. Ich also hinterher mit meinem nicht gerade leicht zu nennenden Gefährt, immer auf eventuell heranrauschende Züge eingestellt zu sein. Ich bemerkte inzwischen ganz erschrocken: Das ging ständig so mit Fußgängern und Radfahrern hin und her. Die über die Brücke laufende Schnellstraße ließ scheinbar nur Kraftverkehr zu; die anderen wurden einfach so vergessen!?

Neue Brücke, Fußgänger und Radler über die Gleise einer Hauptstrecke

Selbstverständlich war das von der PKP (Polnischen Eisenbahngesellschaft) nicht so gewollt, Überquerungshilfen nicht vorhanden. Man muss aber dennoch über diese Eisenbahnhauptstrecke kommen, sagte sich nicht nur ich, wie man sieht.

Auf der anderen Schienenseite tauchte plötzlich ein gewaltiger Turm auf! In diesem befanden sich Treppen und ein Schacht, möglicherweise ein Fahrstuhl. Ein Radfahrer stieg, das Rad anhebend, die Treppen hoch. Ich hatte es vorher beim Gleise übersteigen nicht bemerkt, dass oben eine kleinere, separate Brücke vorhanden war, aber eventuell verkehrs- oder bautechnisch noch nicht übergeben oder gesperrt.

Noch im Bau oder einfach ignoriert?

Nach der ersten Straßenüberquerung ging es mit dem neuen Radweg weiter. Das Zusammentreffen mit der Schnellstraße vermittelt einen zusätzlichen Eindruck von der etwas beängstigt wirkenden „modernen“ Verkehrslösung.

Straßenbegleitender Rad- und Gehweg…

Die Fahrt ging durch ein Gartengebiet mit Wohnhäusern weiter bis ich nach ca. 3 km die Stadtgrenze in Richtung Grenze auf separatem Radweg weiter befuhr. Das Navi zeigte fast immer sogar die richtige Straßenseite an, die durch Radler zu nutzen war. Ich bemerkte sofort, dass auf der Straße ziemlich wenig los war. Sollte mir recht sein!

Plötzlich Baustellenschild und Warnanlage für wechselseitige Fahrbahnnutzung. Kurz danach ein Ort, der zwei Ortsbezeichnungen hatte. Ich merkte mir einen der beiden Namen: Ezere und dachte, die Grenze müsse bald kommen. Am Grenzschild war selbstverständlich wieder ein Foto fällig. Es passierte aber so etwa 20 km nichts Besonderes. Ab und zu Baufahrzeuge. Ein Beifahrer fotografierte mich auf meine Bitte hin.

Kompletter Straßenneuaufbau

Irgendwann kam die alte Straße, die wirklich nichts mehr hermachte! Kurze Zeit später eine Stadt. Nach ca. 45 km machte ich eine erste Pause. In einem Lädchen habe ich für 1,25 € einen wohlschmeckenden, mit Zimt bestreuten, Mohnzopf gekauft.

Erste Pause (in Lettland)

Als ich mich entspannt hatte und die Umgebung beobachtete, las ich in einem Wartehäuschen ein Reklameschild mit der Unterschrift www.saldus.lt. Mit der Nachsilbe .lt wusste ich sofort, dass ich bereits in Lettland, wahrscheinlich in Saldus, angekommen war. Ohne Grenzpfahl und -foto. Mit dem Straßenneubau wurden wahrscheinlich alle Grenzzeichen an der Straße beseitigt.

Ich hielt mich ein bisschen im Stadtzentrum auf und spürte 10 Minuten später Appetit auf etwas Warmes. Die Gaststätte lag im Zentrum, war sehr nett im indischen Ambiente eingerichtet, und es erklangen lateinamerikanische Rhythmen. Einfach angenehm. Der geräucherte Bauchspeck wurde mir, von der sehr gut englisch sprechenden Kellnerin, als nationale Besonderheit empfohlen und sehr ansprechend angerichtet. Mein Blick schweifte immer mal hinaus zu meinem Wegbegleiter.

Geräucherte Speisen gab es häufig in Lettland Familie Schamaiko am Nachbartisch

Es dauerte nicht lange, mit den nächsten drei Gästen zog die russische Sprache in den Gastraum ein. Es entwickelte sich mit Albert Schamaiko, dessen Gattin sowie einem etwas älteren Bekannten/Verwandten ein abwechslungsreiches Gespräch. Auf ihre Bitte hin, erläuterte ich den Grund für meinen Besuch im Baltikum.

Jeder sprach neben Russisch auch für meine Begriffe sehr gut Englisch. Sie zeigten sich sehr interessiert, über den Fortgang der Reise immer mal wieder Neues zu erfahren und wir tauschten deshalb unsere Kontaktdaten aus. Die dazu erforderliche Internetadresse gab Albert sofort ein und besonders Frau Schamaiko staunte sehr über die Tourlänge und das Fortbewegungsmittel. Wir verabschiedeten uns freundlich und ohne große Nachfragen meinerseits zu günstiger Weiterfahrt bis Kuldīga.

Im Gegensatz zu gestern holte mich das Navi noch in Saldus von der Fernverkehrsstraße runter und führte mich auf eine Nebenstraße. Ich überprüfte den auf einem Verkehrshinweisschild angegebenen Ort Väne mit meiner Karte und stellte fest, das kommt hin. Fuhr deshalb weiter. Später bemerkte ich nach dem Blick auf eine Straßenkarte im Ort Gaiki, dass eigentlich Värme besser in Richtung Kuldīga (übrigens erste Silbe betonen) gewesen wäre. Abwechselnd wollte es mich nach rechts und mal nach links von der Straße weglotsen. Gestern hatte ich ähnliche Versuche auf der Fernverkehrsstraße abgewehrt, weil ja immer Mažeikiai ausgewiesen war. Ich kam immer mehr in Richtung Osten ab. Anhand der oben bereits erwähnten Karte legte ich eine neue Fahrstrecke hinüber zur Fernverkehrsstraße fest.

Saldus – Kuldīga (links oben am Bildrand)

Ich fuhr nach Navigationsempfehlung über Gaiki (rechts am Bildrand) nach Westen und an der Weggabelung leider nach links, direkt in urwaldähnliches Terrain … Nach rechts wäre ich durch Jaunlitrini gefahren und in Osenieki direkt auf die P 108 gekommen…

Es ging wieder über Schotterwege, war doch heute schon mal und vorher ebenfalls. Zu meinem Unglück sollte das aber nicht alles sein. Nach ca. 2 km wollte mich mein Begleiter wieder zurückschicken. Ich blieb stur und fuhr weiter. Nach ca. 1,5 km „erkannte“ er den Fahrweg wieder. An einem Abzweig, der mir schon vorher auf der Karte auffiel, wollte ich nach rechts abbiegen, um weiter in Richtung Norden zu gelangen. Was sagte es: Nach links! Ich gehorchte, eigentlich schwer vorstellbar!

Erst gab es nur noch Restbestände von dem guten alten Schotterweg. Die Abbiegungsrichtung war noch leicht zu ermitteln, nach rechts wäre es sofort in den Busch gegangen.

Beginn der Odyssee

Ziemlich bald war erkennbar, hier ist schon seit längerem keiner mehr gefahren. Der Weg muss aber doch irgendwie weiter gehen, kann nicht einfach so aufhören?!

Hohes Gras, aber noch befahrbar …

Nun fehlen nur noch quer über den Weg liegende Bäume. Wenn sie aber schon länger da gelegen haben, würde es ja vielleicht schon eine Umgehung geben? Das war meine Hoffnung!

Das wird ja immer schöner…

Und so war es auch. Es kamen aber nun tiefere Schlammlöcher. Nun reicht es aber. Schließlich verbesserte sich kurz vor einer Waldwiese der Weg!!! Nach einem kleineren Waldbereich kam ein Feldweg und nach anmutig und friedlich daliegender Landschaft kam der Waldfriedhof der Gemeinde Lutrini, übrigens wie viele anderen Dörfer wunderschön sauber und gepflegt. An einem Stall bewunderte ich die handwerklich fein ausgearbeiteten Schmuckelemente.

Waldfriedhof von Lutrini Stallung mit aufwändigem Außendekor

Das Dorf verfügte über einen Schulkomplex mit großzügigen Sportanlagen und, ich will wirklich nicht nerven, separatem Radweg. Endlich hatte ich wieder Straße. Bedingt durch die ungefähr 20 km Umweg hatte ich noch 50 km bis zum Tagesziel Kuldīga. Auf einer Wiese sah ich die ersten beiden Kraniche.

Ich war aufgrund des Umweges wieder 120 Kilometer gefahren, voller Vorfreude darauf, endlich Kuldīga zu erreichen. Und wo kam ich an? Auf der berühmten Brücke und hatte von ihr einen beeindruckenden Blick auf den Fluss Venta mit seinem Wasserfall (Venta Rumba). Ich bemerkte auch erfreut, dass mein körperlicher Zustand wesentlich besser war als gestern.

Zwei Highlights von Kuldīga

In der Innenstadt war ich sofort von dem Flair der altehrwürdigen Gebäude fasziniert. Wie ich später erfuhr, spielten einige Gebäude bereits mehrfach Hauptrollen in Filmen, wie z. B. in dem berühmten Antikriegsfilm „Die Brücke“ , der in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges den Vormarsch der Westalliierten zeigt.

In der Innenstadt von Kuldīga traf ich zwei Mädchen, die mir freundlicherweise den Weg zum Apartmenthaus Liba zeigten. Ich erhielt per E-Mail einen Schlüsselcode, mi dessen Hilfe ich in einem Kasten den richtigen Zimmerschlüssel fand. Er passte aber zu dem daneben liegenden Zimmer im Parterre nicht, so dass ich den Vermieter anrufen musste. Er erklärte mir später, dass sich die Wohnung „M“ im second flor befinden würde. Ich stellte fest, dass diese Tatsache auch in der E-Mail mitgeteilt wurde.“ But my english is not so good, but it would be better…”, um mein Unwissen mit den Worten von Lothar Matthäus auszudrücken. Auf diese Weise hatte ich, wenn auch erst so kurz vor 22 Uhr, meinen Vermieter persönlich kennen gelernt.

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Apartmenthaus Liba, links Straßenseite, links mit Hof

Das Foto zeigt das Haus, in dem meine, sehr geschmackvoll eingerichtete, Wohnung in der ersten Etage lag, beachte beleuchtete Fenster. Ich war bis in den Dienstag hinein in den Gassen geschlendert und hatte besonders in Flussnähe einen schweren, süßlichen Geruch wahrgenommen, der ein bisschen an das in Russland häufig benutzte Parfum erinnert. (Es sei hier bereits angemerkt: Bei meinem zweiten Besuch erfuhr ich, dass es JASMIN-Düfte waren, die mich so benebelten bzw. beeinflussten…)

Ich bin gestern in der Nacht von Montag zu Dienstag noch bis nach zwei Uhr durch die Straßen gegangen; habe von meiner Kindheit geträumt; habe mir vorgestellt, wie vor diesem Häuserkomplex Rolf Ludwig als Soldat in dem Märchenfilm „Das Feuerzeug“ durch die Straßen geht; habe mir vorgestellt, wie es wohl in Insterburg (heute Kaliningrader Gebiet, Черняховск), der Geburtsstadt meines Vaters Kurt aussehen würde; habe geträumt, wie …

Typisches Straßenbild für Kuldīga

Nach 01.30 Uhr traf ich zwei weibliche Jugendliche (geschätzt etwa 17 Jahre jung), mit denen ich mich in englischer Sprache sehr nett und mit gefühlten vier Metern Abstand, über das Leben unterhielt. Es war gegenseitig ein großes Interesse am Tun des/der Anderen spürbar, es schien zu knistern; es war von mehreren beidseitigen Überraschungsmomenten geprägt. Einfach unvergesslich aber auch schwer zu beschreiben…

14. Juni, Dienstag KULDĪGA, die Perle des Baltikums

Nach tiefem, aber nur dreistündigem, Schlaf wachte ich kurz vor sechs auf. Ich hatte wieder einmal keinerlei Erinnerung an einen Traum. Interessanterweise machte auf einer Reise nur eine Nacht eine Ausnahme. Ich dachte mir so, wie soll auch ein Traum Platz haben, wenn mein Gehirn ganz dringend mit der „Nacharbeit“ meiner vielen Tageserlebnisse zu tun hatte oder …?

Ich ließ zum Duschen das Wasser warm laufen, obwohl ich sofort die richtige Temperatur hatte. Nachhaltiges Wirtschaften, indem der Begriff ‚warm‘ in dem Zusammenhang benutzt wird, ohne Energie aufzuwenden. Ich weiß, dass es evtl. physikalischer Unsinn ist …

In der Nacht verschmähte ich noch den Kaffee. Zum Frühstück bereitete ich mir aber eine Kanne. Ursprünglich wollte ich heute früh bereits weiter nach Riga reisen, ob mit Rad zur nächsten Bahnstation oder gleich mit dem Bus war noch nicht klar. Ich schmierte mir deshalb für die Reise Stullen. Da ich mich doch etwas später ( und g l ü c k l i c h e r w e i s e ) für Kuldīga entschied, brauchte ich die Stullen später nur noch aus dem Kühlschrank zu nehmen und den Mohnstriezel aufzuteilen.

Ich kann aber immer noch nicht zum folgenden Tag kommen, denn das Leben schenkte mir eine Morgen-Bilder-Geschichte oder besser ich nahm sie mir einfach!

Zum besseren Verständnis: Die folgenden Aufnahmen zeigen den Tagesstart von Hausbewohnern zum „Hinterhof“ hinaus. Die Straßenseite ist malerisch sehr schön auf folgendem Bild im Selfie dargestellt worden:

Das Haus ist doch wirklich schick…

Die Story beschreibt den grünen, mir lieb gewordenen, Hinterhof mit dem Hausherren, ich glaube vielleicht auch den Ladenbesitzer und Gatten von der rechts neben ihm stehenden Frau. Es erschien zunächst die Katze.

Venedig im lettischen Kuldīga

Es erschien zunächst die Katze. Der Hausherr verschwand für längere Zeit in einem der Schuppen. Ein älterer Herr erschien mit einem Rennrad, erhielt Kaffee und setzte sich. Die wunderschön gestaltete Sitzecke verdeckt den von mir gestern benutzten Wäscheplatz. Der Baum ist kunstvoll mit einer Holzmiete umbaut, daneben ist im Rasen ein ganz altes Fahrrad drapiert. Es erscheint danach mit weinrotem PKW die Vermieterin. Den auf der Bank sitzenden Mann fotografierte ich, von diesem unbemerkt, der Ladenbesitzer erwischte mich. In russischer Sprache entwickelte sich ein freundliches Gespräch, wenn auch „von oben“ herab. Wie war die Nacht, wie war es gestern, wie sind die weiteren Pläne…?

Es ist Ortszeit, 09.17 Uhr . Der Ladenbesitzer schliff und sägte inzwischen abwechselnd und führte zwischendurch so manchen Schnack. Ich fühlte mich irgendwie zu Hause und zufrieden obwohl ich erst jetzt, vielleicht in Kurzform mit dem Reiseerlebnisbericht zum gestrigen Tag beginnen kann. Selbstverständlich verschieben sich meine Ankunftszeiten in Riga und Pärnu und für einen kurzen Hauptstadtbesuch bleibt keine Zeit mehr. Die Abfahrt ab Kuldīga wurde mir von Einheimischen alle volle Stunde angekündigt. Alle würden auch Fahrräder mitnehmen, wenn nicht, würden dann richtige Zeitprobleme auf mich zukommen. Aber, wie heißt es: Geduld, Geduld …

Wie Ihr schon wisst, ausführliches Frühstück mit Lunchpaket. Es war von den letzten Tagen vieles zu notieren und Fotos für den Erlebnisbericht auszuwählen. Da ich den ganzen Tag noch für Kuldīga habenwollte, war nun nicht allzu viel Zeit, um am Blog weiter zu arbeiten.

Nach dem Frühstück …

Danach erneuter Waschtag mit anschließender Klempnerreparatur des Vermieters, da möglicherweise über dieses Waschbecken bisher noch nicht so viel Wasser ablaufen musste.

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Der Vormittag verging mit Wäsche waschen

In der Nähe meiner Apartmentwohnung befindet sich ein größeres Gebäude, das zum Teil gerade renoviert wurde. Ich fragte eine Frau, die gerade in das Gebäude hineinging, was sich in dem Gebäude befindet und ob es möglich wäre, es jetzt zu besuchen. Sie sagte, dass es nur freitags möglich wäre. Aber mal als Ausnahme, weil ich dann nicht mehr in Kuldīga sein würde, nahm mich Ines, so stellte sie sich vor, mit hinein.

Im Kulturzentrum findet derzeit ein Masterstudium statt, das unter der Leitung von Siegrid steht, einer Finnin, die viele Jahre in Österreich lebte. Die Betreuerin des Kulturzentrums, Ines, erlaubte mir zunächst, nach einigem Bitten, meinerseits zunächst einen Seitenblick.

Ines vor dem Kursraum

Nachfolgend einige Skulpturen von Masterabschlussarbeiten zum Thema Frieden (oder Krieg ?).

Masterabschlussarbeiten

In einer Pause gab es auch kurz die Möglichkeit mit der Kursleiterin und einer deutschen Gaststudentin kurz zu sprechen.

Pausengespräche, links eine deutsche Studentin

Kursleiterin im Masterstudium

Später ging es an einem Lehrerbildungsinstitut vorbei, außen sofort durch viele Kunstwerke sichtbar, auch mit der Fachrichtung Kunst belegt. Es schien viel größer zu sein als das Greifswalder Kunstinstitut, in dem meine Gattin Anfang der 70er Jahre studierte.

Die beiden an Holzskulpturen arbeitenden Studenten konnten mir nicht sagen, wann und ob es möglich sein könnte, die in Sichtweite entfernte Alexander-Newski-Kathedrale zu besichtigen. Ein außen hängendes, schweres Schloss sowie ein Zettel mit dem Termin 12.07. ließ nichts Gutes vermuten. Der Anblick allein ist aber schon etwas Besonderes.

Alexander-Newski-Kathedrale in Kuldīga

Kuldīga hatte als Kleinstadt mit viel Kunst, mit vielen Parks und mit einem mittelalterlichen Stadtzentrum und den aufgeschlossenen Bewohnern eine magische Wirkung auf mich ausgeübt. Spaßhaft habe ich so für mich gedacht, dass sich an keinem Haus in der Innenstadt auf der Außenfassade Farbe befindet, die jünger als 50 Jahre ist. In mehreren Gesprächen mit Einwohnern von Kuldiga hatte ich erfahren, dass es zwischen den Hauseigentümern der Altstadt eine Vereinbarung gibt, der den Erhalt des bestehenden Flairs zum Ziel hat!

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Sommerhaus, jetzt Museum idyllisch gelegen

Der Park mit dem ehemaligen Sommerhaus befindet sich unmittelbar oberhalb der Venta Rumba (hinter der musizierenden Frau und den Kiefern zu sehen.) Das ist doch wirklich eine begnadete Lage, die sich der baltisch-deutsche Industrielle für sein Sommerdomizil aussuchte.



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Ehemalige Sommervilla, jetzt Stadtmuseum Empfangsbereich

Die beiden Mitarbeiterinnen des Stadtmuseums interessierten sich sehr für meine Reisepläne. Ich erkundigte mich bei Ihnen, ob es möglich wäre, die Alexander-Newski-Kathedrale in Kuldīga besichtigen zu können. Nach einem kurzen Telefonat mit der hierfür Verantwortlichen in der russisch-orthodoxen Gemeinde erfuhr ich, dass sie derzeit in Riga weilen würde und nicht vor dem Wochenende wieder zurück sein kann. Schade! Aber so auf die Schnelle eine kompetente Antwort zu erhalten, das ist doch auch schon mal was!

Nach der Kunst kam natürlich die Natur mit den für das Baltikum möglicherweise Höhepunkten die Venta Rumba ( zunächst der Flussname dann Rumba als Wasserfall) von beiden Uferseiten

Venta-Rumba Wasserfall

und danach aktiv hinter der Brücke schwimmend. Am Vorabend entdeckte ich einen Garten mit einer Großmutter und -vaterbank

Gartenidylle neben der Venta

Der Gartenbesitzer Wjatscheslaw kam zu mir heraus und zeigte mir an, privates Geländer betreten zu haben. Nach kurzer Entschuldigung/Erläuterung verbrüderten wir uns ziemlich schnell, wechselnden im Gespräch ständig zwischen englisch und russisch. Er lud mich zum gemeinsamen Schwimmen in seinem privaten Fluss-Strömungs-Bad ein. Holte mir ein Handtuch, wies mich auf Steinbereiche am Grund des Flusses hin und erklärte mir, wie ich mich richtig in der Strömung verhalten solle.

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Schwimmen im Fluss VENTA



Dazu berichtete mir Wjatscheslaw detailreich von Episoden über die 1915 im ersten Weltkrieg zwischen russischen und deutschen Soldaten ausgetragenen schweren Kämpfe.

Im Stadtmuseum wurden seine Ausführungen eindrucksvoll bestätigt:

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Kämpfe 1915 zw. dt. und russ. Truppen

Unterwegs gab es immer wieder freundliche Hilfe, sei es durch Passanten/Innen oder Mitarbeiterinnen des Tourismusbüros

Textilkunsthandwerk neben der Tourismuszentrale

Hilfsbereites junges Pärchen

und immer wieder googeln oder wie Frieda Braun, die bekannte Komikerin zu sagen pflegt: Gurgeln … Das Pärchen suchte mit mir (und Google) das Tourismusbüro.

Im Park vor dem Kulturzentrum sprach sich – nach meiner Lesart – ein moderner lettischer Künstler und Hochschullehrer in Form einer, die Darstellung griechischer Philosophen nachvollziehenden Darstellungsweise auf dem Sockel deutlich für Heterosexualismus aus. Nach Worten von Ines solle diese Skulptur in gewisser Weise für die Masterstudenten eine Anregung für ihr künstlerisches Schaffen darstellen.

Moderne Skulptur eines griechischen Denkers

15. Juni, Mittwoch, Busfahrt Kuldīga – Pärnu

Ich nahm mir vor, gegen Mittag in Richtung Riga mit einem Bus zu fahren. 14.30 Uhr fuhr der Bus ab und die Fahrradmitnahme war unproblematisch, worüber ich mich sehr freute! Um 17.40 Uhr ist die Ankunft in Riga geplant.

Bei einem morgendlichen Spaziergang bin ich noch einem durch die Innenstadt und zu den Wasserfällen gegangen und habe folgenden Blick eingefangen:

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Brücke und Wasserfall auf einen Blick

Heute wird vermutlich der Reisestress nicht so groß sein, da ich mein Hotelzimmer in Pärnu auch spät abends noch beziehen kann.. Morgen werde ich mit unserem estnischen Cheforganisator, Joachim, um 11.30 Uhr zum Talliner Flughafen losfahren, um die anderen Partygäste zu empfangen. Es könnte morgen ein etwas ruhigerer Tag werden, so hoffe ich.

Vielleicht komme ich in sieben Tagen wieder hierher. Gleiche Wohnung ist bestellt und bestätigt. Zumindest vom 22. zum 23.06. Wjatscheslaw verriet mir nämlich am Fluss gestern, dass am 23. das große städtische Mittsommernachtsfest am Fluss Venta sein wird!!!

Es sind unterwegs viele Baustellen und ich darf nicht „mitspielen“. Eigentlich traurig… ? Entspannung tut aber auch gut!

Vielleicht auch besser so…

An der Stelle ergibt sich mir und vielleicht auch manchen von euch die Frage: Verbirgt sich durch meine momentane Fahrweise nicht eine erhebliche Schummelei? Ich meine nicht.

Ich hatte angekündigt:

MIT E-BIKE INS BALTIKUM ,

aber nicht wie genau und manchmal trete ich auch in die Pedalen. Einige meiner ehemaligen Schulkameraden von der EOS (Erweiterte Oberschule oder Gymnasium) hatten angedroht: Wehe, wenn du hier total fertig oder krank ankommst … Die werden sich wundern.

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Hier wäre es mit Rad sehr eng geworden

In Riga dominierten der Fluss Daugawa sowie der dem Warschauer Kulturpalast ähnliche Rigaer Stalinbau. Neben den kulturellen Aufgaben wurde in einigen Hauptstädten der „Bruder“länder möglicherweise auch ein gewisser Machtanspruch seitens der Sowjetführung gegenüber den anderen Ländern dokumentiert. Die Berliner ehemalige Stalinallee hat diesbezüglich bekanntlich ein reichhaltiges Geschichtsbuch aufzuweisen, beispielsweise die Ereignisse um den 17. Juni 1953.

Wir fuhren in das Marktviertel mit vielen großen Hallen sowie kleinen Ständen. Es ist unschwer zu erkennen, dass wir einen Bereich Rigas mit sozialem Brennpunkt durchfahren.

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Umstieg am Busbahnhof von Riga

In Riga hatte ich Glück. Nicht einmal 20 Minuten Aufenthalt. Die Fahrgäste wurden am Bahnsteig 1 für die Fernlinien abgefertigt. Es ist sogar möglich, mit verschiedenen Fernbuslinien durchgehend bis Berlin zu fahren. Zu meiner Verwunderung werden vom Busfahrer die Pässe bzw. Ausweise und Tickets kontrolliert. Wir werden zwar erneut eine Grenze überqueren, aber beide Länder sind doch in der EU, fragte ich mich? Ich hatte mir auch keine Tickets vorher gekauft? Wird es am Bus möglich sein? Bisher zeigten alle ihr Online-Ticket vor und wurden mit einem Scanner registriert. Habe ich Glück und es ist noch ein Platz frei? Ich hatte mal wieder Glück!

Ein estnischer Bus des Unternehmens LUX Express war exquisit ausgerüstet. Für 18 € incl. Rad ca. 150 km gefahren zu werden. ist schon okay. Tee oder Kaffee musste nur selbst bereitet werden. Entertainment mit vielen Spielen vorhanden. In beiden Bussen free WIFI selbstverständlich, Fahrradmitnahme sowie Ticket nachzulösen ebenfalls. Die russische Sprache dominierte im Bus inclusive freundlichen Fahrer. Jeder Fahrgast hatte einen reservierten Platz. Ich teilte die Sitzreihe mit einer etwas korpulenten älteren Frau. Pünktlich geht’s los.

Ich spielte ein bisschen Sudoku. Meine 64-jährige Estin/Russin hatte Sudoku noch nie gesehen. Interessierte sich aber sehr für das Prinzip. Ich startete ihr Tablet an der Rückseite des Vordersitzes und mit neugierigen Blicken und fast kindlicher Neugier ging’s los. Wir unterhielten uns ganz gut in russischer Sprache. Ihre Frage, ob wir auch Euro haben, war vielleicht nicht zu erwarten und zeigt wie sich auch in nur etwas mehr als 1,5 Tsd. Kilometern Entfernung verschiedenartige Lebenswelten entwickeln können, natürlich auch gesteuert durch die Informationspolitik.

Gegen 20.30 Uhr war ich glücklich im Zielort Pärnu/Estland angekommen. Es war deutlich kühler als noch am Vormittag in Kuldīga. Im Hotel wird noch geheizt! Zum Glück soll am nächsten Wochenende aus Westeuropa schwülwarme Luft einströmen. Hoffentlich verliert sie bis hierher fast ganz nach „oben“ ihre Kraft nicht.

Nun ist erst einmal für eine Woche Klassentreffen und was auch ganz wichtig ist, ich wohne eine Woche durchgehend in einem Zimmer, nicht ständig die Ein- und Auspackerei…

Für den Rückweg gibt es viele Varianten… Fähre Klaipeda – Rostock, verschiedene Buslinien und da war doch noch was …? Ach, ja. Kaunas ist in diesem Jahr die Kulturhauptstadt Europas und am Bahnhof dieser Stadt hatte ich vor fast einer Woche diesen Gig im besten Veganbistro mit dem Chef eines Biker Shops und seinem Kumpel Ludas. Wie hieß er noch mal …?

Matti, Kürzel TT. Moment mal, ich habe doch auf einem Blatt, in dem ich meine Tourplanung vornahm, die vielen Kontaktdaten notiert.

Ich hab‘s. Kürzel ist MATT. Als Einziger hatte er keine Mobilnummer notiert, sondern aus seinem Selbstverständnis heraus nur die Firmenbezeichnung WHEELS EMPIRE. Man findet mich.

Es hatte sich inzwischen bei mir verfestigt, Kuldīga werde ich am 22. und 23.06. zum Jahreshöhepunkt einen zweiten Besuch abstatten, obwohl mir bewusst ist, dass im Gegensatz zum bereits erlebten der zweite Besuch wahrscheinlich laut sein wird. Ich muss das Erlebnis haben! Ich habe im Verhältnis zur Hinfahrt ins Baltikum noch einen nicht unerheblichen Vorteil als Erfahrungsschatz:

  • in den regionalen und Fernbussen werden Räder mitgenommen und das Reisen ist preiswert,

  • ich kenne schon viele Straßenbaustellen, muss auf diesen nicht wieder zurückfahren, wenn ich aber anders fahren würde? Treffe ich dann andere? Das wäre ja Mist, ich will ja nun wirklich auf meiner Fahrt nicht alle Baustellen mitnehmen. Die breiten Schotterpisten wären gar nicht so problematisch, so abgebrüht bin ich schon. Aber, in den Bereichen, an denen gebaut wird und nur eine Straßenhälfte benutzbar ist, muss ich unvermeidbar den großen Brummis noch ein bisschen Platz lassen oder ist’s anders herum? Eine Kollision mit anderem Fahrzeug reicht (pro Reise)!

  • Auf den Hauptstrecken, wie z. B. Tallin -Riga – Kaunas -Berlin verkehren täglich mehrere Busse verschiedener Betreiber. Da bin ich nicht auf Flixbus angewiesen bin, die momentan noch die Mitnahme von E-Rädern untersagt. Wie beobachten unsere Marketingprofis eigentlich den Markt?

2. Klassentreffen in Pärnu

16. Juni, Donnerstag, Talliner Flughafen, Empfang der Gäste

Mit dem „Einheimischen“ und Cheforganisator Joachim holte ich die anderen 6 ehemaligen Mitschüler bzw. deren Ehepartner vom Flughafen ab. Da die Ankunft sich um mehr als eine Stunde verzögerte sowie die Inbesitznahme der Mietautos auch einige Zeit beanspruchte, ging es mit einer kleinen Kaffee- und Imbisspause direkt nach Pärnu in das Tervis Spa Hotel in Strandnähe der ehemaligen „russischen Badewanne“. Das Wiedersehensgeschnatter hielt sich in Grenzen, da wir das letzte Klassentreffen Ende September 2021 (!) in Zelle-Mehlis in Thüringen hatten.

17. Juni 2022 Stadtführung in Pärnu

Am Hoteleingang empfing uns Frau Ester Preimann zur Stadtführung. Bis zum Mittagessen war es ein Rundgang. Zunächst ging es durch herrlich angelegte Parkanlage in unmittelbarer Strandnähe zur Villa Ammende. Eine prächtige Jugendstilvilla, die ein Vater seiner Tochter zur Vermählung schenkte. Heute ist es ein beliebter Ort, um Hochzeiten zu feiern, in exquisiter Umgebung zu speisen und zu feiern. Der Garten bietet zudem eine hervorragende Kulisse für die beliebten Sommerkonzerte. Gilt doch Pärnu als Sommerhauptstadt Estlands.

Villa Ammende

Im großzügig angelegten Garten werden im Sommer die beliebten Gartenkonzerte veranstaltet. Wir waren leider eine Woche zu früh da.

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Empfangshalle in der Villa Ammende

Frau Preimann schilderte unterhaltsam die abwechslungsreiche Geschichte von Pärnu anhand der Kirchen und wichtigen Gebäuden der Stadt. Es fiel die enorme Architekturvielfalt auf und einige Informationen bleiben vielleicht länger im Gedächtnis. So habe Pärnu auch einen richtigen Berg, er ist sogar siebentausend Millimeter hoch (Teil einer ehemaligen Wehranlage).

Das Talliner Tor

In einer der zahlreichen Kirchen von Pärnu erläuterte uns Frau Ester Preimann die verschiedenen religiösen Gemeinschaften, die hier vertreten sind. Sie zeigte uns auch einige Orte, an denen früher einmal eine Kirche stand.

St. Elizabeth Kirche



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Kunstgewerbliches Zentrum von Pärnu

Parkspaziergänge

In einem Park war eine Esche so prächtig gewachsen, dass ein Ast abgestützt werden musste und dem Passanten hohe Konzentration abverlangte.

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Impressionen in Pärnu

Es war immer wieder so spannend, dass immer wieder der Anschluss nicht verpasst werden durfte. Gab es doch immer mal wieder einen kleinen Plausch am Rande. Zum Beispiel mit einem Schotten, der seit einigen Jahre mit einer Estin in Pärnu verheiratet ist und sich dort sehr wohl fühlt..

Ein Schotte in Pärnu

Im beliebten Restaurant Stefanie wurden wir a la carte mit so manchem verwöhnt.

Stefanie`s Pizzarestaurant

Danach ging es in einen Kleinbus, um die Umgebung und die Stadt Pärnu mit einigen Vororten kennenzulernen. Im nördlichen Vorstadtbereich gibt es viele touristische Anlagen und beliebte Strände.

Wir besuchten eine Dorfkirche in Audru sowie eine Kelterfirma für Fruchtweine. Unsere Reiseführerin verriet uns dabei eine sprachliche Kuriosität:

PROST heißt auf estnisch : tervisseks .

Bei Tervis wussten wir schon, dass es Gesundheit bedeutet, weil wir in dem Tervis Spa Hotel untergebracht sind. Die zweite Silbe seks soll ausdrücken, dass es der Gesundheit beim Trinken gut gehen soll… Führt aber bei Gebrauch stets zu einem Lächeln…

Weinverkostung bei Audru

Den abwechslungsreichen Tag beendeten wir auf einer Gartengrillparty mit Spanferkel, Sauerkraut und Kartoffeln. Unser Organisator hatte dazu das Sauerkraut vorher aus Deutschland mitgebracht. Ebenso als besonderen Gag: Einen Kasten VITA COLA, das Lieblingsgetränk von Bodo., der leider aus gesundheitlichen Gründen dabei sein kann.

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Hausherr Hannu im Rauch



18. Juni, Samstag, Individuelles Sightseeing Pärnu

Der Tag steht zur „freien“ Verfügung. Ich habe mich beim kulturellen Angebot umgetan. Zunächst der Roter Turm, der früher mal rot war und nun weiß in den Himmel ragt.

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Roter Turm von Pärnu

Hier habe ich mir eine Videoanimation zur Entwicklung von Pärnu angesehen. Im 360 Grad Kino fühlte man sich mitten drin im Geschehen. Es ging 13.000 Jahre zurück, immerhin über zwei Eiszeiten hinweg und mit vielen fremden Eroberern. Im frühen Mittelalter besetzten die Dänen die Küstenbereiche. Ihnen folgten die Schweden bis in Folge des Nordischen Krieges Russland mit dem Zaren ab 1721 mit dem Frieden von Nystad wurden Livland (im Wesentlichen das heutige Lettland) sowie Estland russische Provinzen. Durch die dritte polnische Teilung 1795 fiel der übrige Teil des Baltikums unter die Herrschaft des russischen Zaren bis zum Ende des I. Weltkrieges. Diese Ostseegouvernements bildeten im Russischen Reich eine Sonderstellung. Sie war durch eine deutsche Oberschicht und durch eine teilweise Lutherisierung geprägt. Nach www.baltikumreisen.de bekennen sich aktuell 22 Prozent der Letten zur evangelisch-lutherischen Kirche, 18 Prozent zur katholischen und 11 Prozent zur orthodoxen Kirche.

Über mehrere Jahrhunderte beherrschte eine polnisch-litauische Königsallianz diesen osteuropäischen Raum bis zum Schwarzen Meer. Bedingt durch diese historischen Wurzeln ist auch heute noch der Anteil, der sich zur römisch-katholischen Kirche Bekennenden mit 77 Prozent beherrschend (Angaben nach Zensus 2011).

Mit dem Ende des I. Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Zarenreiches durch die Oktoberrevolution erwachte in den baltischen Ländern das Nationalgefühl. In Estland und Lettland wurden im Februar 2018 die Unabhängigkeit erklärt. Gemäß des Brest-Litowsker Vertrage trat die jungen Sowjetmacht diese Gebiete an Deutschland ab und bereits im gleichen Monat besetzten deutsche Truppen die beiden Länder. Erst nach zweijährigen harten Kämpfen erklärte in getrennten Verträgen Sowjetrussland die Unabhängigkeit beider Republiken an. Ich will hier nur erwähnen, dass diese Jahre in Litauen durch den polnischen Einfluss noch komplizierter und territorial differenzierter abliefen.

Nach diesem kleinen historischen Schwenk aber wieder zurück zum Stadtrundgang. Im Museum für ‚modern art‘ ist momentan eine Ausstellung zu sehen, in der neben Werken einheimischer Künstler auch einige aus Polen, Litauen und der Ukraine ausstellen. Neben dem Thema Frau war auch der Krieg in der Ukraine Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung.

Ein ausführlicher Spaziergang durch verschiedene Stadtteile von Pärnu beendete diesen „Ruhetag“.

19. Juni, Sonntag Besuch der Fraueninsel Kihnu

Heute ging es auf die Fraueninsel Kihnu (gesprochen kichnu). Wie üblich fährt man auf eine Insel mit einer Fähre. So auch hier. Der Fährhafen ist allerdings auf einer etwa 40 km entfernten Halbinsel in Munalait. So stand für mich kurze Zeit die Frage, die Fahrt in einem PKW zu bestreiten und dem Rad mithin noch einen Ruhetag zu gönnen oder mal wieder zu strampeln.

Radeln war mal wieder dran. Die Fähre startete um 12 Uhr, also mein Start vor 10 Uhr. Das gelang nicht ganz, zudem hatte ich starken Gegenwind. Noch in Pärnu überholte ich eine große Radlergruppe mit Jugendlichen. Draußen spürte ich schnell Gegenwind. Da sich aber mein Nyon Navigationssystem noch nicht umgestellt hatte, ging ich immer noch von einem Zeitpolster bis zur Schiffsabfahrt aus. Erst mit einem Anruf bemerkte ich dieses Missgeschick: „Fähre ist nun los. um zwei fährt die nächste. Wir gehen davon aus, dass du diese dann nimmst. Wir fahren dann um 7 gemeinsam zurück.“ (… dieser Anruf von Ulrich, der nie Lehrer werden wollte, aber irgendwie steckt in jedem vielleicht ein bisschen Lehrer …)

So hatte ich unvorhergesehen etwas Zeit. Kurz vor dem Anruf sah ich einen Hinweis zu einem Vogelbeobachtungspunkt und konnte auch zu einer byzantinischen Kirche zurückfahren, bei der der ursprüngliche Baustil erhalten war und die lediglich ein neues, silbrig in die Landschaft leuchtendes, Dach erhielt.

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Byzantinische Kolmainu Kirche

Am Vogelbeobachtungspunkt traf ich eine Familie aus Riga, und wir genossen die weitläufige Sicht über den Küstenstreifen, der im Gegensatz zu unserer mecklenburgischen Boddenküste deutlich weniger Schilfbereiche ausweist. Hier `liefen` die Wiesen, unterbrochen von kleineren Wasserinseln, in die Rigaer Bucht hinein.



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Vogelbeobachtungspunkt Kavaru

Ich erhielt auch zwischendurch noch die Einladung für einen sommerlichen Besuch bei einem Weihnachtsmann, wie sich später herausstellte -frau.

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Auch im Sommer keine Pause …

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Besuch bei der Weihnachtsfrau

Sonntags hat die Weihnachtsfrau leider Ruhetag, aber ein kleiner Besuch ist doch gestattet.

Auf dem Weg zum Fährhafen überholte ich kleinere Grüppchen jugendlicher Radfahrer und an dem kleinen Hafen angelangt, bestätigte sich meine Vermutung, dass es sich um die bereits in Pärnu gesehene Radgruppe handelte. Sie wollten auf der Insel Kihnu zwei Tage bleiben und sich so einen stimmungsvollen Abschied aus dem Schuljahr schaffen.

Dreiviertel drei legte die Fähre pünktlich ab. Die Überfahrt sollte etwas mehr als eine Stunde dauern. Direkt gegenüber dem Ableger befand sich eine kleinere Insel. Ich dachte, wir würden zu dieser fahren.

Nach einer Weile schaute ich heraus, an der Insel waren wir schon vorbei. Ich dachte, nun habe ich auch noch die falsche Fähre genommen!!! So eine Blamage, erst die Abfahrt verpasst und dann noch die falsche Fähre, geht es noch peinlicher? Wohl kaum …

Um mich zu vergewissern, suchte ich mir eine Seekarte und bemerkte meinen Irrtum. Direkt vor der Landzunge lag eine noch kleinere Insel als Kihnu..

Otto würde sagen … Ärger zurückfahren ….

Kurz vor 16 Uhr verließ ich die Fähre u.a. mit den 11.Klässlern aus Pärnu:

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Ankunft am Fährhafen der Insel Kihnu

Nun hieß es, meine Truppe wieder zu treffen. Nach dem sich bei mir bewährten Hauptstraßenprinzip befuhr ich die meistbefahrene Straße, gefühlt dem Inselinneren entlang. Im ersten Ort habe ich in einem kleinen Laden für das Notwendigste gesorgt und auch mich bei Ulrich, meinem Vermittler zur Gruppe, telefonisch erkundigt, wo sich der „Rest“ von uns befinden würde. Einige wollten ein bisschen wandern, die anderen mit einem Leihrad die Insel Kihnu erkunden. Momentan waren sie in einem Restaurant, welches sich gegenüber von einem Grill befinden würde. Ich nun also los, um mich auf die Suche nach dem Restaurant zu begeben. Ich schwärmte in zwei Richtungen nacheinander aus, in der einen stoppte mich ein Flugplatz. Mein Rückruf mit dieser neuen Erkenntnis ergab aber nichts Neues. Der andere Weg führte aber auch in eine Sackgasse also zurück und die letzte Variante versuchen.

Ich fuhr an dem Gebäude vorbei, in dem sich der mir bereits bekannte Lebensmittelladen befand. Plötzlich sah ich mir vertraute Personen, ich hatte sie gefunden und gleich meiner großen Freude Ausdruck verliehen:

Endlich geschafft `Versteck` der Anderen

Wir waren demnach beim ersten Telefonat nur weniger als 20 Meter voneinander entfernt! Die Gaststätte befand sich in der 1. Etage auf der dem Laden gegenüberliegenden schmalen Hausseite und genau gegenüber dem Grill von dem Ulrich am Telefon sprach. Den Grill hatte ich natürlich vorher auch gesehen, aber an so viel Zufall dachte ich dann doch nicht. Ich konnte mich nun den von Ulrich bereits gestellten Schulaufgaben zuwenden: Zunächst das Kino (Kihnu)- Museum besuchen und danach zum Leuchtturm fahren, der sich in etwa 6 km Entfernung an der Südspitze der Insel befindet.

Es war Sonntag und inzwischen bereits nach 17 Uhr. Das Museum ist möglicherweise bereits geschlossen. Schade! Die Tür war aber noch auf und die freundliche Museumsmitarbeiterin, Frau Eve Tapp, führte mich dennoch mit umfangreichen Erläuterungen durch alle Räume: Schule/Kultur; Frauen; Männer; Haushalt; Fischen und Jagen sowie naive Malerei. Letzteres wird in den langen Wintermonaten seit Jahrhunderten gepflegt wie die spezielle Kleidung mit den verschiedenfarbig längs gestreiften Röcken zeigt. Frau Eve Tapp sagte zu den festen Traditionen beim Tragen der historischen Röcke: Ihr Vater war im vergangenen September leider verstorben. Nach strenger Tradition trug sie die ersten 40 Tage einen kompletten schwarzen Rock, dann einen blau gestreiften ohne rote oder rosa Streifen. Nach mindestens einem halben Jahr durfte sie den rot gestreiften Rock einer fröhlichen und sorglosen Frau tragen. Ihr wundert euch vielleicht darüber, dass ich mir so exakt alles notiert hatte. Mit Frau E. Tapp stand ich später in E-Mail-Kontakt. Sie las die Webseite zu meiner Reise und sendete mir die obige exakte Beschreibung der Tradition.


Nach meinem Bericht zum Mittsommernachtsfest in Lettland informierte sie mich ausführlich über weitere Traditionen anlässlich dieses Festes auf der Insel. Bedingst durch die enge Verbindung zum Meer als (erweiterten) Lebensraum der Inselbewohner wurde auch in diesem Jahr ein alter Kahn verbrannt. Das war der Auftakt für eine Nacht voller Gesang, Tanz und Fröhlichkeit. Wie jedes Jahr hatten sie in dieser Nacht wieder viele Gäste auf der Insel (vergleicht bitte mit der Beschreibung von Jürkalne am 25. Juni).

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Besuch im Kihnu-Museum

Auf dem linken Foto ist rechts hinter Frau Tapp die Kleidung eines Robbenfängers zu sehen.

Kindergarten sowie Gemälde aus dem Kulturzentrum

Hinter dem Museum befindet sich ein Kindergarten mit einem großen Außenbereich, der in den traditionellen Kihnu-Farben gestaltet ist. Kurz hinter dem Kulturzentrum folgt der Inselfriedhof.. Auf dem Friedhof war für mich beeindruckend, dass hier aus meiner Beobachtung heraus im Laufe der Jahre keine Gräber aufgegeben werden, so wie es bei uns üblich ist. Üblich ist bei uns eine Mietzeit von vielleicht 25 Jahre. Danach Verlängerung oder die Fläche wird eingeebnet. Auf dieser Insel bleiben wohl alle Verstorbenen von der Insel in gemeinschaftlicher Erinnerung.

Sie ist nicht nur wegen ihrer eigenen Sprache und der konsequenten Pflege des kulturellen Erbes eine große Ausnahme in der modernen Zeit. Sie wird auch Fraueninsel genannt. Monika, meine Gattin sah dazu im NDR-Fernsehen einen Beitrag.

Waldfriedhof der Insel Kihnu

Die Insel ist nicht nur wegen ihrer eigenen Sprache und der konsequenten Pflege des kulturellen Erbes eine große Ausnahme in der modernen Zeit. Sie wird auch Fraueninsel genannt. Monika, meine Gattin, sah dazu im NDR-Fernsehen einen wissenswerten Beitrag.

Die Fahrt zum Leuchtturm war ebenfalls sehr beeindruckend. Auf der Insel Hiddensee sieht man bei einer Wanderung relativ häufig die Ostsee oder die Boddengewässer. Auf Kihnu befinden sich viele hohe Kiefernbestände und die Insel ist auch breiter als Hiddensee. So konnte ich erst 100 Meter vor der Landspitze zunächst Wasser und dann den Leuchtturm sehen. Es bewahrheitete sich wieder, in Wassernähe sind auf engstem Raum interessante Motive einzufangen:

Leuchtturm

Auf der Südspitze der Insel

Unsere Abfahrtszeit der Fähre war 19 Uhr. Ich schaute noch kurz im Café vorbei, in dem wir uns verabschiedeten. Sie waren schon aufgebrochen, deshalb fuhr ich gleich weiter und kam überpünktlich an der Fähre an.

So kurz nach 20 Uhr machte ich mich auf meine 40 km lange Rückfahrt, immer an die abwechslungsreiche Hinfahrt denkend. Der Rückenwind war leider nicht so unterstützend wie er mir früh entgegen blies. So hatte ich früh erstmals andere Radler auf großer Fahrt gesehen. Zwei junge Frauen hatten ihre Räder voll bepackt und offensichtlich auf Nächtigungen in der Natur eingestellt. Einen einzigen ähnlich bepackten Wanderer hatte ich kurz nach meiner Fährüberfahrt von Nida nach Ventainė gesehen.

Unterwegs lud ein herrlich geschmückter Marienkäfer Radler und Wanderer zu einer Rast ein:

Einladung zur Rast

In der Bar in unserem Terves Spa Hotel in Pärnu gönnte ich mir einen Tee. Da die anderen sich bereits zur Ruhe gelegt hatten, konnte ich mich nach den 130 geradelten Kilometern schlafen legen und den beeindruckenden Tag passieren lassen.



20. Juni, Montag, Ausflug nach Tallin, Estlands Hauptstadt

Wir fuhren mit einem Kleinbus nach Tallin. Nach 10 Uhr trafen wir neben einer Estnisch-orthodoxen Kirche unsere charmante Reiseführerin Frau ………. ……………. Sie hatte für uns ein sehr abwechslungsreiches Tagesprogramm zusammengestellt.

Wir trafen uns neben einer estnisch-orthodoxen Kirche. Obwohl am Montag Ruhetag ist, konnten wir die aus Holz gebaute Kirche besichtigen.

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St. Simeon und St. Anne Kirche in Tallin

Der Pope, der die etwa 150 Mitglieder umfassende Gemeinde betreut, führte uns durch die Kirche. Er ging ganz ausführlich auf unsere Fragen ein, die das religiöse Leben der Gemeinde betrafen. Das innergemeinschaftliche Leben, die Liturgie, das Verhältnis von russisch-orthodoxer und estnisch-orthodoxer Kirche, deren geschichtliche Entwicklung, die jetzige Verteilung in Estland auf die verschiedenen Glaubensrichtungen und die unterschiedlichen Ausprägungen religiösen Lebens in den drei baltischen Ländern.

Er schilderte, dass in der Sowjetzeit diese Kirche als Sporthalle genutzt wurde und ab den 90er Jahren liebevoll wieder neu eingerichtet worden ist.



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Führung in der estnisch-orthodoxen Kirche

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St. Simeon und St. Annen Kirche mit prächtigen Holzschnitzarbeiten

Im Hintergrund ist auf dem rechten Bild das Königstor zu sehen, das Betreten dieses Bereiches ist nur den Geistlichen vorbehalten Bei besonderen Anlässen nimmt der Metropolit von Tallin auf dem prächtig geschnitzten Holzstuhl Platz, der im rechten Bild dargestellt ist.

Übrigens, wir erfuhren auch, dass im 14. Jahrhundert die Dänen die Küstenbereiche der baltischen Länder beherrschten. Sie bewohnten auch den Berg, heute Domberg genannt. Unsere Stadtbilderklärerin sagte uns, dass der Ortsname TALLIN sich aus zwei Inhalten ergibt: Tal ist die Kurzbezeichnung für Dänen und Inn heißt auf Estnisch Besiedlung, also zusammengesetzt kann der Namen der estnischen Hauptstadt gedeutet werden ‚dort wo die Dänen leben‘ .

Es ging dann zu Fuß weiter direkt gegenüber zum „Quartier de Rotermann“, welches auf dem Gelände einer ehemaligen Großbäckerei in den vergangenen Jahren von verschiedenen Investoren errichtet wurde.


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Impressionen im Rotermann Viertel

Es gab in der Talliner Altstadt so viele Malmotive:

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Freiluftmalen in der Nähe der Domkirche

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Der berühmte Dombergblick in Richtung Osten



Hinunter in die Altstadt

Joachim hatte für uns ein exquisites Mittagessen in einem Restaurant am Marktplatz bestellt. Es gab Lachsvariationen und die Besprechung danach verlief sehr entspannt.

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Mittagessen neben dem Talliner Rathaus





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Protestplakate vor der Russischen Botschaft

Es war interessant, dass nicht nur der Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteilt wurde. Auch Monsanto (mehrfach verklagt wegen des Pflanzenschutzmittels Glyphosat) wurde mit einem Plakat „gewürdigt“.

In der Langstraße befindet sich auch das Schwarzhäupterhaus. Es ist das Gemeinschaftshaus der Brüderschaft der Schwarzhäupter. Die Bezeichnung ging auf den Schutzpatron der Bruderschaft, den Heiligen Mauritius zurück, der als Mohr dargestellt wurde. Diese Brüderschaft war 1399 entstanden, als die ledigen Mitglieder aus der aus Kaufleuten gebildeten Großen Gilde ausschieden. Nach einer Heirat traten die Schwarzhäupter dann in die Große Gilde erneut über. Sowohl die deutschsprachigen Schwarzhäupter als auch die deutschsprachigen Mitglieder der Großen Gilde hatten eine wichtige gesellschaftliche Stellung inne.

Schwarzhäupterhaus in der Langstraße 20

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VIRU-Tor von innen und außen mit Blumenmarkt

Vom Domberg genossen wir, und nicht nur wir, einen herrlichen Blick auf das mittelalterliche Zentrum der alten Hansestadt Reval bis zum Kreuzschifffahrtshafen.

In der Nähe des Hafens trafen wir wieder auf den Fahrer mit dem Kleinbus. Wir fuhren in einen großen Park im Katharinental. Zunächst besuchten wir das berühmte Sängerstadion, in dem bis zu 100.000 Sänger plus Zuschauer (Mitsingende) Platz finden.

Entwurfsskizze

Der Weg führte uns am KUMU, den Sammlungen des estnischen Kunstmuseums vorbei. Am Montag ist leider geschlossen. So beeindruckte uns die in einem kräftigen dunkelgrün gestaltete moderne Fassade des 2006 eröffneten Gebäudes. Sie gilt als Meisterwerk moderner Architektur.

Nachdem wir in Pärnu erfuhren, dass dort am 23. Februar 1918 die erstmalige Gründung eines estnischen Staates ausgerufen wurde, bekamen wir in Tallin sehr viele Informationen über die singende Revolution Ende der 80er Jahre. 1990 sangen beispielsweise mehr als 100.000 Sänger und Gäste in dem „Gesangsolymp“ Tallins für die Eigenstaatlichkeit Estlands. Wir erinnerten uns auch an die Bürgerkette, in der am 23. August 1989 zum 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Nichtangriffsvertrages mehr als 2 Millionen Bewohner aus Estland, Lettland und Litauen von der Nordküste Estlands bis in den Süden Litauens eine ununterbrochene Menschenkette über eine Entfernung von 600 Kilometer bildeten. Unsere Reiseführerin schilderte uns das ausführlich: Die Medien waren noch in sowjetischer Hand, die Vorbereitungen mussten inoffiziell /illegal mittels „von Mund zu Mund“ Informationskette bis schließlich am 23. August abends die ununterbrochene Kette bestand. Es ist zu beachten, dass z.B. Estland sehr dünn besiedelt ist und die Bewohner aus den Ortschaften mussten an die Straßenabschnitte gebracht werden…Umso bedauerlicher ist es, dass heute von dieser verbindenden Idee nur noch so wenig übrig geblieben ist. Jede einzelne Nation agiert mehr oder weniger für sich selbst. An den Landeskennzeichen hatte ich immer verfolgt, wieviel Kraftfahrer sich in einem anderen Land aufhalten. Es waren erschreckend wenig, geschätzt deutlich unter 5 Prozent. Selbst in Grenznähe waren es nicht viel mehr…

Es sei mir noch ein kleiner persönlicher Exkurs zur Besonderheit dieser Wendezeit gestattet. Ab 1987 ermutigte Michael Gorbatschow nicht nur bei uns durch die Grundsätze von Glasnost und Perestroika (Offenheit und Umbau) häufig freies Denken und er ermutigte auch dazu, sich frei zu äußern. In den drei baltischen Ländern erstarkten die nationalen Bewegungen: Es wurde verstärkt der Unmut über die Russifizierung zum Ausdruck gemacht sowie Fragen des Umweltschutzes, der Freiheit und der Wirtschaftlichkeit diskutiert. Die Sowjetmacht versuchte weiter das Bestehen des geheimen Zusatzprotokolls aus dem hitler-Stalin-Pakt zu ignorieren, nach dem sich die beiden Mächte Mittel- und Osteuropa untereinander aufteilten, mit dem bekannten Ergebnis, dass im Jahre 1940 sich die drei neuen Sowjetrepubliken bildeten. Ebenso wie bei dem Brest-Litowsker Vertrag wurden die Interessen der drei kleineren Nationen den der Großmächte einseitig untergeordnet!

Knapp vier Monate später erkannte in einer Erklärung der Kongress der Volksdeputierten in Moskau die Existenz des Zusatzprotokolls an. Gegen den Willen von M. Gorbatschow erklärten sich aber die drei baltischen Staaten für unabhängig. Das beschleunigte wesentlich das Ende der Union der Sowjetrepubliken (UdSSR).

Wie wir bei einer Besichtigung der Stätte des UNESCO Weltkulturerbes erfuhren, waren die ersten Sängerfeste Mitte des 19 Jahrhunderts. Der Museumsführer erläuterte uns bezugnehmend auf die Grafik, dass 1869 eines dieser Feste an einem Fluss Estlands stattfand und es wurde interessanterweise von einer deutschen Gesangsvereinigung angeregt.

Erstes estnisch-deutsches Sängertreffen 1869

Die Demütigungen, welche viele Esten in den 50 Jahren Sowjetherrschaft erfuhren, wird in einer Karikatur im „Gesangs“-Revolutions-Museum ausdrucksvoll dargestellt.

Karikatur im Museum des Kulturstadions

Weiter ging es zu Fuß zu einem Palast, der diesem Tal seinen Namen gab: Zar Peter I. schenkte dieses Schloss seiner Gattin, Katharina, vor mehr als 200 Jahren. Jetzt ist es Bestandteil des estnischen Kunstmuseums.

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Katharinenpalast im Kadriorg Park

Die Fahrt zu unserem Ausflugslokal direkt an der Ostseeküste ging vorbei an der Russalka-Skulptur und am Mahnmal für die zahlreich in der Sowjetzeit Deportierten.

Wir fuhren entlang der Ostseeküste bis zu unserem Restaurant „PAAT“. Es befindet sich im Inneren eines auf die Planken gelegten Bootes. Wir hatten während des Abendessens in einem Nebengebäude direkt an der Ostsee ständig diese wundervollen Blicke.

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Restaurant PAAT



Tagesausklang direkt an der Ostsee



21. Juni, Dienstag, Pärnu Fischgrillen bei Hannu

Joachim bat darum, zeitig mit dem Einkauf für unser Fischgrillen zu beginnen. Es schlossen sich spontan unsere ehemalige Klassenkameradin Heidrun mit ihrem Gatten Thomas. an. Es ging zunächst zur Markthalle mit den zahlreichen Ständen. Gemüse- und Kräuterauswahl waren schnell erledigt.

Drum prüfe, wer sich…

Wir können doch zufrieden sein!

Anschließend ging es in die Fischhalle. Erst sollte es Fischfilet sein, ich plädierte für einen ganzen Fisch. Hannu half uns hierbei mit seinen Ortskenntnissen. Es wurden zwei Lachse und ein paar Dorschfilets gekauft. Joachim holte mich um 16 Uhr vom Hotel ab, damit die notwendigen Vorbereitungen getroffen werden konnten. Ich überredete Hartmut und seine Gattin Doris uns dabei zu helfen. Und das war gut so. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was alles so für eine Party mit 14 Personen vorzubereiten ist…

Festvorbereitungen …

Da ich ja nun mal fürs Grillen vorgesehen, war musste ich auch die Lachse entschuppen, immerhin das erste Mal im Leben, und das bezog sich nicht auf Lachs im Besonderen sondern auf Fisch im Allgemeinen.

Na, wie sind sie geworden…?

Doris testete, ob der Fisch durch sei und das war der Fall. Allen hatte es gut geschmeckt. Für mich war es leider der Abschiedsabend. Die anderen freuten sich auf eine Moorwanderung und auf das Mittsommerfest, welches sie in einem Dorf feiern würden.



3. Rückfahrt Pärnu Stralsund

22. Juni, Mittwoch, Busfahrt von Pärnu nach Kuldīga

Der Bus der Marke LUX Express fuhr kurz nach 8.20 Uhr vom Busbahnhof ab.

Uns fuhr der gleiche freundliche Busfahrer wie auf der Hinfahrt.

Freundlich und hoch konzentriert ….

Die Fahrt verlief ähnlich komfortabel wie die Hinfahrt. Erst kurz vor der Ankunft gegen Mittag habe ich meinen Sitznachbarn angesprochen. Ein Peruaner, der in L. A. lebt war auf einer dreiwöchigen Europarundfahrt. Von Berlin war er sehr begeistert, und er hatte bereits Kroatien, Helsinki und Tallin gesehen.

Ich hatte mich vorher noch nicht über die Möglichkeit der Weiterfahrt erkundigt, da ich hoffte, ebenso bei der Hinfahrt auf einem der 15 Bahnsteige die erforderlichen Informationen zu erhalten. Auf keinem der Schilder stand allerdings Kuldīga. In dem großen Saal wurde ich nicht fündig und bat eine Dame um Hilfe. Es war eine Lettin, die seit 20 Jahren im Schwarzwald lebt, und ihre Mutter besuchen wollte. Sie klärte auf, dass ich leider erst vier Stunden später weiterfahren könne. Riga kurz mit E-Bike und Gepäck zu besuchen, war für mich keine Option also im Kassen- bzw. Warteraum Platz nehmen und warten…

Nach etwa 2 Stunden hatte ich mit den direkt nebenan Sitzenden Kontakt aufgenommen. Ich bat sie auf meine Sachen aufzupassen, wenn ich kurze Zeit weggehen wollte. Mir war bewusst, dass dies nicht ohne Risiko sein würde, was ist aber ohne…? Ich habe bereits erwähnt, dass der zentrale Busbahnhof nur durch einen Kanal vom Bezirk der Markthallen getrennt ist.

Ich traute mich, in Richtung des Marktbereiches zu gehen und bemerkte, dass das in der Stalinzeit errichtete Kulturhaus gleich um die Ecke ist. Ich ging den knappen Kilometer und da war er in ganzer Pracht:

Ehemaliges Kulturzentrum aus der Stalinzeit

Zumindest für Besucher sehr attraktiv: Mit 6 € zur Aussichtsplattform in die 15. Etage und dann mit Treppen in die 17 zur Aussichtsplattform.

Vor dem ehemaligen Kulturzentrum …und von oben…



Blick zur Daugawa flußaufwärts und -abwärts

So hatte ich einen kurzen Überblick zu Riga erhalten. Am Warteplatz angekommen, stellte ich zu meiner großen Freude fest, dass nichts weggekommen war. Ich bedankte mich bei einer etwas älteren Dame. Sie erzählte mir, dass sie in Liepaja wohne, 1939 geboren war und bei der Eisenbahn im Bereich Finanzbuchhaltung beschäftigt war. Sie lud mich zu einem Besuch ein. Nach 16 Uhr ging’s dann los, die Fahrradmitnahme war erneut kein Problem.

Schlüsselübernahme klappte ebenfalls, hatte ich doch von Liba Apartments das gleiche Zimmer zugewiesen bekommen. Im Bus hatte ich mich über das Festprogramm informiert, es hatte mir in der vergangenen Woche eine Mitarbeiterin der Touristeninformation zugesandt. Für heute war ab 18 Uhr ein Konzert in Padure Musique angekündigt worden. Obwohl der Bus einige Minuten Verspätung hatte, bin ich die knapp 20 Kilometer hingefahren. Leider vergebens. Die Rückfahrt in der Nähe der Venta entschädigte aber. Es ist übrigens etwas anderes, ob man 40 Kilometer auf Schotterpiste zurücklegen muss oder nur 11. Das fühlte ich an diesem Abend ganz deutlich!



Die Rückfahrt entschädigte mit ihren prachtvollen Blicken auf den Fluss Venta für das verpasste Konzert. Im Hintergrund erstrahlt die berühmte Brücke im Abendlicht.

Durchbruchstal der Venta flussabwärts

Entspannt kam ich zurück und ging in der Stadt noch etwas spazieren. In einem Cafė oberhalb des Ventaflusses trank ich noch ein Glas Rotwein und kam mit den Nachbarn ins Gespräch, welches sich binnen Kurzem intensivierte…Ich machte Bekanntschaft mit dem Restaurator und Architekten Martins sowie mit seinem Freund, der als Automechaniker arbeitete.

Es war ein sehr bewegtes Gespräch, der Mechaniker musste sich immer wieder mit …*ein niegelnagelneues Automobil …“ ins Gespräch bringen. Die Rotweinpartie ging danach auf der Terrasse seines Hauses weiter. Wir verblieben so, dass ich mich am nächsten Tag, dem LIGOR-Feiertag bei Interesse bei ihnen melden könne.



23. Juni, Donnerstag, LIGOR-Fest in Kuldīga (Mittsommernachtsfest)

Ich hatte mich nach dem Frühstück mit meinem Erlebnisbericht beschäftigt. War doch klar, dass ich an diesem Tag nicht dazu kommen würde und heute auch mit viel Neuem zu rechnen war.

Auf meinem Morgenspaziergang stellte ich eine gewisse Nervosität bzw. Unruhe fest. Fast alle trugen bereits sommerliche Festkleidung. Im Garten des Apartmenthauses wurden erste Vorbereitungen getroffen, E-Kabel gelegt und Tontechnik installiert. In unserem Haus fertigten die Frauen ebenfalls prächtige Sträuße an.

Wir sind doch chic, und die Sträuße erst

Bis 11 Uhr räumte ich mein Zimmer, ich konnte es nur für eine Nacht nutzen. Im Schuppen, den ich bereits beim vorhergehenden Besuch für das Radabstellen nutzte, konnte ich meine Utensilien unterbringen.

Beim Architekten angelangt, hörte ich völlig überrascht, dass Martins heute Geburtstag hat. Nachbarn und Freunde schauten kurz rein und gratulierten:

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Elina mit den Kindern der Gratulanten

Martins in seinem Arbeitszimmer mit Karl

Als Restaurator hatte er natürlich die ursprüngliche Wandfarbe wieder zum Leben erweckt.

Martins hatte inzwischen per Internet heraus bekommen, dass das besonders beeindruckende mystische anmutende, traditionelle Mittsommerfest in Järkulnes bereits am 21. Juni gewesen war. Deshalb schlugen mir beide vor, an einen kristallklaren See zu fahren, dort zu baden und einen über 85-jährigen Freund zu besuchen. Ich müsse ihn unbedingt kennenlernen.

Zunächst war es aber erst gegen Mittag, Lunchzeit. Martins Gattin, Elina, hatte einen sehr schmackhaften Lunch serviert. Wir verstanden uns zu dritt sofort prächtig.

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Happy birthday to You, happy …

Mit Elina`s Kleinwagen ging es also über`s Land. Der Weg führte westlich aus Kuldīga in Richtung Edole heraus. In Edole wurde an einem kleinen See das Lagefeuer für das Mittsommernachtsfeuer vorbereitet. Martins meinte, dass hier auch über Nacht gefeiert werden würde. So wie er weiß, würde dort stets erhebliche Mengen Alkohol genossen. Es wäre also nicht besonders zu empfehlen.

Von der P 119 bogen wir nach etwa 2 Kilometern links in einen Waldweg ab. Wir trafen zunächst bei dem Holzhaus den Bekannten nicht an. So gingen wir sofort an den Pinku ezero zum schwimmen.

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Hallo Martins herrlich mal wieder etwas länger zu schwimmen

Wohnhaus und Seegrundstück

Wie wir im Gespräch später erfuhren, baute dieses Haus bereits sein Vater. Nach dem Studium arbeitete er als Ingenieur im Metallbereich und lebte seit seiner Geburt in diesem Haus am See.

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Treff mit einem Freund der Familie

Vom Schwimmen brachte Martins seiner Gattin eine Seerose mit, wunderschön anzusehen neben dem Jasmin.

Jasmin und Seerose

Übrigens, ich weiß jetzt auch woher der betörende süße Duft in meiner ersten Nacht in Kuldīga stammte, es war Jasmin … Im Hintergrund eines der Oldie-Fahrräder von Martins.

Bei den beiden im Wohnhaus der Familie angekommen, tauschten wir unsere Pläne aus. Eine wie bei uns übliche Geburtstagsparty würde es wohl nicht geben. Wir verblieben so, dass ich zum späteren Abend bei Ihnen wieder vorbeikommen sollte.

Ich schaute bei uns ‚ zu Hause‘ nach wie es um die Vorbereitungen für die Nacht stand. Jeder Gast brachte etwas mit, so füllte sich der Gartentisch schnell. Zwei Töchter, Linda und Dace , einer bei Edinburgh lebenden Familie, fertigten akribisch den LIGOR Kopfschmuck an. Es sei traditionell die Aufgabe der jüngsten Töchter.

Dace und Linda binden die LIGOR-Sträuße

Es galt noch mein kleines Zelt aufzustellen. Ein Gast des Hauses, mit dem ich schon ab und zu plauderte, probierte auch mal aus, wie man das Zelt hinein kommen könne.

Unsere kleine Partywiese, später Schauplatz für einen „Dance de Zorbas“

Der Gartentisch sah inzwischen auch prächtig aus. Die Party konnte beginnen. Und zwar mit mir, ich hatte mich mit Getränken ‚eingekauft‘.

Die Party kann beginnen

Mit dem Restaurator Martins, seiner Gattin Elina sowie weiteren Gästen ging es zur Tanzparty in das Parkstadion und so bis kurz nach Sonnenaufgang auf deren Grundstück weiter. Es wechselten immer mal Gäste und Orte….

Auf dem Gelände des Apartmenthauses stellte ich schnell fest, dass die Party noch voll im Gange war. Auf dem Nachbargrundstück hatte sich ein größeres Fest mit zig Jugendlichen entwickelt. LIGOR ist nicht umsonst das beliebteste Fest in Kuldīga und in den baltischen Ländern.

Ich legte mich kurz vor 6 Uhr hin. Die Doppelbeschallung hielt weiter an. Kurz vor zehn stand ich auf, doch erholter als befürchtet.

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Was kann schöner sein?

24.Juni, Freitag Ruhetag in Kuldīga

Ich wollte an diesem Morgen ursprünglich nach Liepaja (ehemals Leibach) fahren. Die kurze Nacht sowie die beginnende Hitze verhinderten das. Also in Ruhe gemeinsam mit der schottisch-lettischen Familie in ‚unserem‘ Gartenpavillon Frühstück essen und Kuldīga genießen.

Auf einem kleinen Stadtspaziergang stellte ich fest, dass die Stadt länger schlief, kein Wunder bei der durchzechten Nacht. Das Bad in der Venta tat mir sehr gut.

Nach dem Baden fuhr ich etwas flussabwärts bis zum dem Ort Padures, dem ich am ersten Abend bereits

Mir fiel auf, dass Gruppen von Radlern mit Rennrad sich in der Stadt bewegten. Nachmittags kam auf unser Grundstück eine junge Rennradlerin. Sie sagte, dass sie mit ihrem Bruder für drei Tage in Kuldīga zu Radrennen weilen würde. Sie wohnen in Tallin und nehmen immer mal wieder an solchen Rennen teil. In diesem Ort seien sie allerdings noch nicht gewesen. Das nahm ich zum Anlass, etwas von diesem besonderen Ort, dem bekannten Wasserfall und von der Brücke zu erzählen.

Sie nahm zum Abend meine Einladung zum Schwimmen im Ventafluss an. Sie wollte eh noch ein kleines Läufchen machen und so lief sie neben dem Rad her.

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Sunset über Brücke und Fluss

Sie bedankte sich bei mir für diesen Vorschlag und fand auch, dass die Innenstadt ein besonderes Flair habe.

25. Juni, Samstag, Fahrt nach Liepaja

Ich stand früh ziemlich zeitig auf, das Zelt und das Gepäck waren zu verstauen und in Ruhe Frühstück zu essen. Gegen 07.45 Uhr kam das Geschwisterpaar aus Tallin auf den Innenhof und präparierte ihre Rennräder. Wir unterhielten uns, ich hob von ihm das Rad an und war sehr überrascht: Gefühlte 3 kg Gewicht, dachte ich. Meine Überraschung wahrnehmend, verriet er mir, dass er dafür knapp 7 TEUR bezahlen musste.

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Estnisches Geschwisterpaar in Vorfreude

Beim Einkaufen ging ich über den Marktplatz und sah, dass richtig Betrieb, war. Am Anmeldezelt bildete sich eine Schlange, Vertreter verschiedener Rennradhersteller sowie anderer zum Thema passender Artikel, wie z. B. Germina-Uhren bereiteten ihre Stände vor, teils in professionellen Truckanhängern.

Startfieber

Der estnische Radler hatte inzwischen für sich und seine Schwester die Anmeldung abgeschlossen. Auf der Fahrt aus der Stadt heraus, stellten einige Männer Sperrgitter auf. Ich erfuhr, dass es heute ein Stadtrennen und morgen ein Rennen RUND UM KULDĪGA geben würde.

Martins und seine Gattin Elina empfahlen mir, nicht direkt nach Liepäja zu fahren sondern noch an der Ostsee den kleinen Ort Jürkalne zu besuchen. Ich müsste dazu an den bereits von uns auf dem Weg zum See befahrenen Kreisverkehr die zweite und nicht die dritte Ausfahrt nehmen. Auf dem Weg zu dem abendlichen Konzert in Padalne Musiźie war ich auf der A 11 schon einmal dort entlang gefahren.

Da ich ins Navi den Ort Liepaja eingegeben hatte und nicht Jürkalne machte es mich nicht nervös, dass das Navigationsgerät mit mir meckerte, zumal er manchmal empfahl, nach links und manchmal nach rechts abbiegen zu müssen. Nach knapp 40 km sah ich rechts einen See. An einem Parkplatz konnte man zu ihm hinabsteigen und ab in das kühle Nass. Auf der anderen Uferseite war ein gut besetzter Campingplatz „Nabites kempings“ zu sehen.

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Lielais Nabes ezers

Auf der weiteren Fahrt stellte ich fest, dass ich mich immer mehr Ventspils nähern und damit zu nördlich abkommen würde. Die nach links abbiegenden Straßen/Wege waren aber alles Schotterpisten. Die wollte ich nach den bisher gemachten Erfahrungen meiden. Etwa 20 km vor Ventspils sah ich in Ventava einen Lebensmittelladen und füllte meinen Wasserhaushalt sofort auf. Desgleichen bemerkte ich auf einer Tafel mit Landkarte, welchen gewaltigen Umweg ich dadurch fuhr, 87 statt 43 km. richtig wäre es gewesen, mich aus Kuldīga heraus westlich oder auf dem Kreisverkehr erst die nächste Ausfahrt zu nehmen. An dieser Stelle wird mir das nicht ein zweites Mal passieren!

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Dokumente einer Àbkürzung`



Als ich den Laden verließ, kamen gerade zwei Radfernreisende an, ein Ehepaar aus Deutschland. Natürlich gab es schnell einen Erfahrungsaustausch.

Profiausrüstung mit Blumenvase …

Rainer war Berliner und lebt nun, wenn er mal nicht per Rad mit seiner Gattin unterwegs ist, in Düsseldorf. Er verriet, dass sie beide nach der Tour für ein paar Wochen bei der Tochter in Berlin einhüten müssten. Danach ginge es aber in Richtung Skandinavien Stockholm und noch nördlicher. Die Blumenschale fertigte ein Keramiker speziell für Fahrradlenker an. So hatte Rainers Gattin auf den Radtouren immer ein bisschen zu Hause dabei.

Es gab noch ’ne kleine Ladenparty und er verriet mir seine Homepage unter der er Fotos und Texte zu den Reiseerlebnissen veröffentlicht: www.rainerontour.wordpress.com.

PROST auf estnisch: terves seks, wisst ihr noch?

Nach weiteren gut 30 km brauchten Batterie und ich eine Auffrischung. Ich hielt an einem einzeln stehenden Haus an und erhielt Strom und konnte mich für gut zwei Stunden erholen, kleines Mittagsschläfchen im Schatten eines Obstbaumes…

Ich fuhr an der lettischen Ostseeküste entlang ohne die Ostsee sehen zu können, bis auf einen etwa 2 Kilometer langen Abschnitt. Stattdessen auf einer, auch am Feiertag stark befahrenen, Straße fast ohne Schatten. Ich träumte von einem separaten Radweg inmitten der zahlreichen Kiefernwälder, wie ich ihn später in Litauen zwischen Palanga und Klaipeda genießen werden kann:

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Wäre das gut, runter von der Straße…

Die Realität verschlechterte sich aber zusehends. Durch die Hitze bildeten sich an vielen Stellen Linien aus flüssigem Asphalt heraus. Falls der Straßenverkehr das erforderte, musste ich ab und zu durch diese heiße Masse fahren

Nach 87 Kilometern war Jürkalne erreicht. Es sind aber nur Pistenwege von der Fernverkehrsstraße nach rechts zur Ostsee abgebogen. Nach zwei Fehlversuchen hatte ich die richtige Abfahrt zum Campingplatz „Zaki“ erreicht. Der zunächst noch halbwegs gut zu befahrende Weg bestand bald nur noch aus feinem tiefem Sand: Also ab jetzt Fahrrad schieben!

Bald sah ich Campingwagen, Bungalows, Zelte und ganz viele emsig hantierende, spielende oder sich ausruhende Personen. In den letzten sechs Stunden (!) hatte ich maximal 4 Personen gleichzeitig gesehen. Auch diese Veränderung erfordert etwas Umstellung! Das sehr freundliche Betreiberehepaar Svilpen begrüßte mich mit ihren drei Kindern. Ich bekam ganz frisches, kaltes Wasser aus einem 80 m tiefen Brunnen.

Von der Steilküste bot sich ein wunderschöner Ausblick auf die Ostsee.

Blicke von der Steilküste

Nach links geht es in Richtung Jürkalne. An diesem Steilhang rollte vor drei Tagen abends das lodernde Wagenrad den Steilhang hinab.

Kempings ZAKI

Elina und Martins aus Kuldīga überlegten zum Ligorfest am 23.06. zu diesem Steilküstenabschnitt zu fahren, weil hier zum Johannisfest eine ganz besondere Tradition gepflegt wird: Eingebettet in verschiedene Rituale wird ein mit Stroh geschmücktes Rad angezündet und den Hang entlang in den Ostseestrand gerollt.

Ich vermutete, dass Familie Svilpen mit Campinggästen daran teilnahmen. Aus den Beschreibungen von Eline und Martins vermutete ich, dass der in Frage kommende Hang in der Nähe dieses Zeltplatzes liegen würde.

Und ich hatte mal wieder großes Glück! Die große Tochter, Luize, lernt wie ich beim Gespräch erfuhr, am Kunstgymnasium in Liepala mit Spezialrichtung FOTO. Sie hatte mir ihre wunderschönen, stimmungsvollen Aufnahmen vom 21. 06. gezeigt und mir auch gestattet, sie für meine Reiseschilderungen verwenden zu dürfen. Vielen Dank jetzt schon an Luize und an die ganze Familie.

Ein gutes Team

Es wird in Jürkalne eine sehr stimmungsvolle und emotionale Tradition gepflegt. Neben den üblichen Ligor-Kopfschmuck wird die regional typische Tracht getragen, Volkslieder gesungen und es gibt die üblichen Mittsommernachtsfeuer. Ich zeige nun einige Aufnahmen, damit Ihr Euch einen Eindruck zu diesem speziellen Volksfest machen könnt:

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Solstice in Jūrkalne/Lettland am 21. Juni

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Weitere Impressionen

Ich erhielt von Frau Svilpen den Tipp auf dem Weg nach Liepala nach ca. 13 km das Fischrestaurant „Rivas Krogs“ zu besuchen.

Dieses Restaurant war wirklich schön an einer Fischtreppe gelegen. Auf diesem Gelände war die Ruine eines größeren Gebäudekomplexes zu sehen.

Fischrestaurant Riva Krogs

Es waren leider alle Plätze reserviert. So machte ich draußen einen Spaziergang. Inese, Rudolfs und Keita sprachen mich an und erkundigten sich sehr interessiert über mich und meine Reise.

Nach der Besichtigung der Fischtreppen

Sie fahren auch ab und zu Fahrrad aber in Liepaja sei das nicht so einfach. Aus meinen späteren Beobachtungen heraus kann ich das nur bestätigen.

Ich kam gegen 23 Uhr erst in Liepaja an. Entsprechend der Wegbeschreibungen Einheimischer landete ich zunächst in der Hauptwache des ehemaligen russischen Militärgefängnisses. Der letzte lettische Inhaftierte verließ das Gefängnis 1997. Ein wirklich grässlicher Ort.

Hauptwache des ehem. russisch/sowjet./lettischen Militärgefängnisses

Hier war für mich aber kein Bett frei. Du liest richtig, auf besonderem Wunsch kann man hier sogar Quartier nehmen. Meine Unterkunft hieß aber richtig Bunkerhostel. Das ist doch schon etwas anderes …Ich suchte weiter in dem ab 1795 für die zaristische Marine errichteten Marinestützpunkt Karosta. Nach 0 Uhr war ich endlich da. Zu meiner Erleichterung wurde mein Klingeln gehört, Zimmer bezogen und nach mehr als 160 Hitzekilometern glücklich geschlafen; denkste …

sunset (25. Juni, 22.47 Uhr) sun rise (26. Juni, 04.43 Uhr)

26. Juni, Sonntag, Weiterfahrt mit Fähre oder per Rad???

Zum Sonnenaufgang war ich leider wieder wach, wohl etwas aufgekratzt …?

Heute sollte es mit STENA Line über Travemünde nach Hause gehen. Um 11 Uhr war Abfahrt geplant. Ich hatte online vorgebucht, die Online-Karten-Zahlung scheiterte, möglicherweise wegen der notwendigen Identifikationen.

So gegen10.20 Uhr war ich am Check-In -Schalter. und der einzige Kunde Es sprach keiner der drei Serviceangestellten deutsch. Stellte mein Anliegen vor, zeigte die Reservierung und sie telefonierte, ich vermutete mit dem Schiff Stopp Passagier. Ich fuhr an verdutzten Zöllnern vorbei und die Laderampe für die Lastkraftwagen hoch und sicherte das Rad, ging hoch zur Rezeption. Ich zeigte meine Reservierung. Das „check-in“ fehlte; ich erklärte. Sie erhielt einen Anruf vom Schalter des Stena-Line Hafenbüros, sie seien nicht damit einverstanden, dass ich an Bord sei. Es war inzwischen ca. 10.50 Uhr. Ich solle mit dem Bezahlen noch warten.

Das Schiff legte pünktlich ab. Plötzlich 11.15 Uhr kam die Anweisung Fahrgast verlässt mit Rad das Schiff, also drehen und wieder anlegen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Fahrräder auf LKW-Decks nichts zu suchen hatten oder meine Reservierung wurde gestrichen ohne mir Bescheid zu geben vermutete auch eine Bordmitarbeiterin.

Das Bild des wieder abfahrenden Schiffes erweckt immer wieder bei mir gemischte Gefühle: Ich wäre eher zu Hause gewesen, ich hätte weder Palanga erlebt noch mit Valdas Tischtennis gespielt…

Bye, bye, my ship, …



Was tun? Am nächsten Hafen mein Glück versuchen? Also auf nach Klaipeda (ehemals Memel).

Vor Frust habe ich in einem schicken Designhotel direkt am Fluß Venta, nicht mit dem durch Kuldīga fließenden und in Ventspils in die Ostsee mündenden Fluss gleichen Namens verwechseln, eine leckeren Dorsch gegessen.

So gut kann es einem gehen…



Vor dem Hotel bemerkte ich Fahrradständer in einem interessanten Design.

Sehen wir gut aus?

Nach gut 20 km erreichte ich kurz vor der litauischen Grenze den Ort Nica. Ein Restaurant war wunderschön in einem von der Straße einzusehendem Park gelegen. Im Schatten der Bäume war es sehr angenehm. Ich aß einen sehr leckeren Fischeintopf oder Gratin. In einer Schale waren geräucherte, vermutlich Dorschstücke mit saurer Sahne, vielen Kräutern und Salzkartoffeln angerichtet worden.

An der Grenze konnte ich nach Längerem mal wieder Grenzpfähle sehen.

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Grenze von Lettland nach Litauen



Nun ist Litauen erneut erreicht, dieses Mal aber vom Norden aus. Schnell merkte ich auch andere Unterschiede: Der Straßenrand wurde wieder breiter, und was vor allem Campingfreunde interessiert, Campingplatz reihte sich an Campingplatz. Und sehr gut gepflegt. Litauen hat nur ca. 80 km Ostseeküste und eine große Strandsehnsucht bei den Bewohnern. Die Letten verfügen demgegenüber über geschätzt 600 km an der Ostsee und an der Rigaer Bucht. Kurz hinter der Grenze beginnt der erste(und bisher einzige) litauische Fernradweg bis an die Memel.

Ich konnte die Adresse meiner nächsten Unterkunft „Red Tower“ in das Navigationsgerät nicht eingeben. Das Gebäude ist zwar recht auffällig, ich fand es aber erst nach mehrmaligem Fragen. Palanga ist ein bei den Litauern ein sehr beliebter Badeort. Deshalb war auch der breite Fußgängerboulevard bis Mitternacht sehr voll. Leider auch ein bisschen viel Rummel, mehrere Nachtbars ziehen zudem zahlreiche Jugendliche an.

Beim Abendspaziergang am nur knapp 300 m entfernten Strand hatte ich mit dem Abendrot etwas Glück.

27. Juni, Montag, Fährtickets kaufen, TT-Training mit Valdas in Rietavas

Nachdem die Hitze weiter anhielt und nun auch fast vier Wochen vergangen waren, entschloss ich mich nach der nicht ganz unverschuldeten Panne mit Stena-Line wollte ich die Angelegenheit durch persönliche Absprache im TT Line-Büro und Cash-Zahlung sicher machen. Auf das Tischtennisspielen mit Valdas freute ich mich sehr, spricht er doch deutsch und hatte sich per WhatsApp immer mal wieder über mein Befinden auf Tour erkundigt.

Ich fuhr mit Bus nach Klaipeda und danach mit Taxi zum Fährterminal, welches deutlich außerhalb der City von Klaipeda liegt. Nach einer Stunde intensiver Abwägungen und Abgleiche fand ich mit den zwei kompetenten Fährbetriebsmitarbeiterinnen eine akzeptable Lösung. Die zweite Dame kam nach ca. 20 min. hinzu und sprach zu meiner Erleichterung deutsch. Zwar war die Abfahrt erst am Donnerstag, 30.06., um 19 Uhr möglich. Ich hatte nach meinem Klassentreffen in Pärnu erstmals wieder ein festes terminliches Korsett.

Die Rückfahrt war zu meinem Glück mit dem Bus möglich, weitere 30 Euro hätten meine noch vorhandene Reserve ziemlich angeknabbert. Und wie sich herausstellte, musste ich auf den Bus nicht lange warten, und er fuhr sogar bis zum zentralen Busbahnhof.

Rietavas liegt etwa 80 km von Palanga entfernt, deshalb es nicht möglich nachmittags noch mit Fahrrad dorthin zu fahren. Es sei denn ich würde ein neues Quartier buchen. Das in Palanga hatte ich aber schon. Valdas meinte am Telefon, wir werden das schon hinbekommen…

Bis zur Busabfahrt hatte ich noch etwas Zeit und konnte deshalb bei dem in der Nähe liegenden Jazzhotel NAVALIS auf einen Tee und kurzen Schnack vorbeischauen. Valdas holte mich auf dem Busbahnhof ab. Das Tischtennistraining beginnt immer um 18 Uhr. Wir hatten noch etwas Zeit für eine Betriebsbesichtigung seiner vor knapp 20 Jahren von ihm gegründeten Firma.

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Valdas mit seinen Raketen

Das Unternehmen verkauft für Straßenbaufirmen die Technik, die es erlaubt, horizontal und gesteuert zu bohren. Das wird z. B. bei Straßenunterquerungen häufig eingesetzt. Einer seiner wichtigen Lieferanten ist ein deutscher Hersteller.

Als ich zu Besuch war, benötigte sein technischer Mitarbeiter ihn zur Erprobung einer von ihm reparierten Rakete. Das System wird mit Luftdruck betrieben. Ein als Zweitakter arbeitender Kolben sorgt für den Vortrieb, indem die Bohrspitze sich ständig vor- und zurückbewegt. Bei der Erprobung war es ziemlich laut. Es klang fast wie ein alter Lantz. Valdas musste sich auf die Rakete stellen und beide bewegten sich voran.

Beim abendlichen Tischtennis spielen gab es eine Überraschung: Wir nennen das Spielgerät Tischtennisschläger. In Litauen wird es Rakete genannt, ich glaube in Englisch könnte es ebenfalls racets heißen?

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die Rückhand saß …Wettkampfgericht mit Tomas

Die TT-Trainingsgruppe spielt jedes Mal ein Turnier aus. Meist jeder gegen jeden mit drei Gewinnsätzen. Es hat sehr viel Spaß gemacht, ich wurde gut aufgenommen. Es war schnell erkennbar, dass ich nur wenige Spiele gewinnen könne. Was sich auch bestätigte. Der Chef meinte gute Ansätze. Mit einer völlig unbekannten Rakete ist es immer schwierig zu spielen…

Abends fuhr mich Valdas mit Gattin nach Palanga.. Es waren schließlich hin und zurück ca.160 Kilometer. Wir nahmen uns vor, in Palanga etwas zu bummeln und am Strand einen hoffentlich beeindruckenden Sonnenuntergang zu genießen.

Ich hatte mich in einem Strandbistro mit einer Runde bei den beiden bedankt. Ein erlebnisreicher und erfolgreicher (Schiffstickets erworben) ging mit einem angenehmen Gespräch in deutscher und russischer Sprache zu Ende.

Palanga Beach am Abend



28. Juni, Dienstag, Palanga und Strand erkunden

Früh ging es zum Strand. Da ich kein Wort litauisch kann, lief ich in eine Falle. Kurz vor den Dünen ergab sich ein Gespräch mit einer Litauerin. Auf dem Kopf der dem Strand nächsten Düne sah ich einen sehr korpulenten kräftigen nackten Mann mit dem Bauch nach unten liegend. Na gut, ihn gefällt’s, dachte ich mir so.

Die Frau mit der ich eben noch in englischer Sprache plauderte, ging zu einem anderen Platz.

An dem sehr breiten Strand – mit feinsten weißen Sandkörnern versehen – fiel mir auf, dass nur die ersten ca. 15 Meter von Personen belegt wurden. Eine mehrfache Breite blieb frei. Ich legte mich ca. 10 Meter daneben. Eine Frau schien zu protestieren. Ich wollte zum Baden ins Wasser und da sprachen manche mit mir, natürlich litauisch, was mir nichts sagte. Erst teils giftige Blicke von den in überwiegendem Anteil nackten Frauen machte mich stutzig. Und ich sah genauer hin, nicht wie manche vielleicht denken könnten. Mich umgaben ausschließlich Frauen. Ich war offensichtlich in einen Frauenbadebereich geraten! Wie peinlich! Also Flucht. Der Bereich erstreckte sich vielleicht 800 Meter am Strand entlang. Da ich mich nicht für den direkten Rückzug entschied, sondern am Wasserrand entlang ging, war es mit der Peinlichkeit nicht so schnell vorbei.

Erst jetzt beim Schreiben auf dem exzellenten Fährschiff „Peter Pan“ wird mir nun erst der Sinn klar, den dieser breite freie Bereich bis zu den Dünen hat. Es kam danach ein Familienbereich sowie durchmischte Belegung. Ich sah an diesem Tag keinen einzigen nackten Mann (!); außer dem bereits erwähnten Dünensonnenbräter…

Der weitere Tag verlief unaufgeregt. Zum Badeort Palanga hatte ich mich schon geäußert.

29. Juni, Mittwoch, Radtour nach Klaipeda

Ich wollte mal wieder radeln und zusätzlich den Weg zum TT Lone Terminal in Klaipeda testen. Es dürfte am Donnerstag nichts schief gehen! Palanga hat sehr großzügige Parkanlagen, die nicht mit Rad befahren werden dürfen. So kann ich nur von außen vermuten, dass sie sehr attraktiv gestaltet sind.

Im Bereich des Ortsrandes bemerkte ich eine Radgruppe, deren Räder in einen Kleintransporter von Baltik Bike Travel geladen wurden. Ich dachte, vielleicht kann man wieder mal deutsch sprechen und kehrte um.

Es waren holländische Senioren, die das Baltikum mit ihrer belgischen Reiseleiterin erkundeten. Es ergab sich schnell ein lustiger Dialog, mein Rad wurde begutachtet, eine Dame sagte, oh so ein Navi muss ich mir auch zulegen. Ein Radler wollte meine Leistungsfähigkeit mit schnell Kraft spendenden Erdbeeren stärken.

Treff mit holländischer Radgruppe-Kraft tanken mit Erdbeeren-Sol mein Rad mit?

Die nachfolgende Strecke auf einem asphaltierten und gut ausgeschilderten separaten Radweg durch Fichten- und Gemischtwäldern sowie Trockenwiesen befuhr sich sehr angenehm. Auffällig war zudem ein kleiner See, der von einer sehr großen Kormorankolonie als seine Heimat auserwählt wurde. Ich kenne auch aus vergangenen Zeiten die bekannte Niederhofer Kormorankolonie. Die dürfte aber nur über einen deutlich niedrigeren Bestand verfügen.

In Klaipeda besuchte ich „Ännchen von Tharau“ als Skulptur auf dem Theaterplatz. Der Textautor ist Simon Dach, ein in Ostpreußen ehemals sehr bekannter Volksdichter Und außerdem wohnte mein Vater in Insterburg in einer Simon-Dach-Straße …

Denkmal ÄNNCHEN von THARAU

Der Großsegler „Meridianas“, der im Fluss Dane` vor Anker liegt, und auf den ich mich bereits bezog, offenbarte bei meinem zweiten Besuch ein Geheimnis, welches ich vorher nicht bemerkte. Auf den Segeln sind alte Seekarten von der Ostsee abgebildet, das hatte ich als Liebhaber alter Karten auch beim letzten Mal bemerkt. Aber am linken Bildrand ist Rügen mit Sagard und Wiek vermerkt und am rechten Bild- oder Seglerrand Reval, so hieß bekanntlich Tallin früher. Genau in diesem Bereich bewegte ich mich im vergangenen Monat!

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Meine Radtour auf Segeln !

Die Odermündung wird interessanterweise auf dem Segel als ‚moths of oder‘ bezeichnet. Auf den ersten Blick ungewöhnlich… Es hatte sich aber meines Wissens ab dem 18. Jhd. englisch als internationale Seefahrtsprache durchgesetzt. Es würde genauere Untersuchungen benötigen, um feststellen zu können, ob die Darstellung auf Originalkarten oder auf künstlerischer Umsetzung basiert …

Am nördlichen Stadtrand von Klaipeda bin ich an einem Stadion vorbei gefahren, welches ausschließlich für Chor- bzw. Tanzveranstaltungen genutzt wird. Das ist eventuell nur in Osteuropa üblich.

Auf der Heimfahrt habe ich den Ostseestrand aufgesucht und festgestellt, dass FKK auch in diesem Land durchaus möglich ist.

Von manchen Strandgästen wird auch der Bereich der Wanderdünen zum Burgenbau und Ähnlichem genutzt.

Ostseestrand zwischen Klaipeda und Palanga

Im Red Tower angekommen stellte ich fest, dass ein Ehepaar als neue Gäste angekommen waren und im Grillbereich ein Abendbrot vorbereiteten. Ich hatte beim Einkauf eine Melone und weitere Lebensmittel eingekauft. So ergab sich eine interessante Ergänzung und, wir vereinbarten auf Russisch, dass wir gemeinsam essen werden.

Ich sollte gleich Platz nehmen, machte mich aber erst frisch und schick. Ich erfuhr, dass die Gattin Nina heute Geburtstag hat. Ihr Gatte August war ebenfalls Russe. Sie wohnen in Šiauiali, einer 120.000 Einwohner großen Stadt im Norden Litauens und sind, wie sich später herausstellte, mit der Vermieterin Regina des Red Tower Apartmentkomplexes und ihrem Ehepartner seit 40 Jahren befreundet. Im Winter ist Palanga fast menschenleer und deshalb ziehen sie in dieser Zeit wieder in ihre ursprüngliche Heimatstadt S. zurück.

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Dritte Geburtstagsfeier

Es entwickelte – sich neben geburtstagsüblichen Momenten – ein recht intensives Gespräch über das Verhältnis der Bewohner der baltischen Länder untereinander sowie zwischen Russen und Litauern. Palanga liegt etwa 25 km von der lettischen Grenze entfernt. Ich erzählte von Jürkalne und dem beeindruckenden Mittsommernachtsfest und dem Zeltplatz „JAKI“. Worauf der Hausherr nur kurz lapidar sagte:“ Ach, das ist doch hinter der Grenze und interessiert uns nicht.“

An mehreren Details erkannte ich, dass das Leben hinter der Grenze für sie völlig uninteressant sei. Offensichtlich spielen die Letten auch für Regina als Vermieterin keine Rolle. Mein Vermerk auf die beeindruckende und medienwirksam inszenierte baltische Menschenkette im Jahre 1989, die ursprünglich möglicherweise auch das gemeinsame Bemühen um staatliche Unabhängigkeit vom Sowjetstaat ausdrückte und ehrlichen Herzens war, ist m. E. inzwischen bei einem Großteil der Bevölkerung nationalem Interessen gewichen. Geschichtlich betrachtet haben beispielsweise mit dem sehr starken Königsbündnis von Polen-Litauern oder die Livländischen Kriege sehr viel Zwietracht zwischen diese drei Nationen gesät Es ist diesbezüglich auch von enormer Bedeutung, dass sich Letten und Litauer nicht „verstehen“, wie meine ich das?

Beide Sprachen waren ursprünglich sehr verwandt, haben sich aber in den letzten Jahrhunderten völlig auseinander entwickelt, wie mir ein deutscher Urlauber mit lettischen Wurzeln am Strand von Palanga erklärte.

Hier nur ein weiterer konkreter Beleg für diese Vermutung: Im Restaurant in Nica (richtig gelesen) saßen ein Tag vorher ein deutsches Ehepaar mit ihren lettischen Gastgebern zusammen. Alle vier sprachen deutsch. Ich erhielt von Regina der litauischen Vermieterin vom Red Tower in Palanga, eine Mail in ihrer Sprache (obwohl sie etwas deutsch sprach). Ich bat den Letten, mir den Inhalt der Nachricht zu erklären. Er bedauerte, weil er von keinem einzigen Wort die Bedeutung kannte…

Im RED TOWER hatte ich einen kleinen Balkon mit Blick in den nahen Wald. Ich hatte es mir angewöhnt dort nach dem Frühstück oder kurz vor dem Ende am Erlebnisbericht zu arbeiten. Ich hatte inzwischen meine Brille unbrauchbar gemacht, da sie mal beim Festzurren des Gurtes ungünstig gelegen hatte. So kaufte ich mir eine (sogar beleuchtete) Lupe und so sah dann mein Arbeitszimmer im Freien aus:

Unter dem Einsatz aller Hilfsmittel …

30. Juni, Donnerstag, Fährüberfahrt nach Trelleborg-Swinoujscie

Meine Vermieterin Regina bat mich, am 29. Juni mein Zimmer bis 12.30 Uhr geräumt zu haben. So konnte ich dieses Mal meine Sachen in aller Ruhe einpacken, hieß es doch Einiges zu beachten: Auf den Fährüberfahrten war erfahrungsgemäß an das Fahrrad incl. Gepäck nicht heranzukommen. So verstaute ich für die Nacht auf meinem Recaro-Sitz in das Handgepäck eine wärmere Jacke, vergaß aber leider eine der beiden langen Hosen…

Auf meine Bitte zeigte mir die Tochter der Vermieterin Renate die Turmwohnung und die größere Wohnung in der ersten Etage. Die Turmwohnung war ebenso geschmackvoll und großzügig eingerichtet wie die untere große Suite.

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Blick vom Red Tower

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Empfangsbereich der Suite



Ich konnte die erlebten Tage nach Kuldīga in meinem Erlebnisbericht bearbeiten und gegen Mittag entspannt losfahren. Der russisch-litauische Pensionsgast August packte sein Auto für seinen Strandtag mit Nina und wünschte mir ganz herzlich für die weitere Tour das Beste.

Auf meiner Fahrt ins Zentrum des Ostseebadeortes freute ich mich erneut über die Verkehrsorganisation in dieser Hauptstraße. Ruhender und bewegter Kraftfahrverkehr jeweils eine Spur und ebenfalls für die Radfahrer und Fußgänger !

Radspuren teilweise auch auf verschiedenen Straßenseiten

Ich hatte genügend Zeit, mich in Ruhe durch Palanga und seine zahlreichen Parks treiben zu lassen. Ich aß einen sehr schmackhaften Auflauf bei Lewan in einem georgischen Bistro.

Im Ortsausgangsbereich fiel mir ein sehr großzügiger Holzbau mit einer großen Kuppel auf. Außen las ich etwas von green energy, in bequemen Sesseln saßen mehrere junge Damen und bearbeiteten offensichtlich etwas gemeinsam und intensiv an ihren Tablets. Neben einem Eingangsbereich stand vor einem größeren separaten Raum groß „IT“. Vom Innenbereich aus sehend war eine Zone mit „cow working“ bezeichnet. Zentral waren viele Sitzmöglichkeiten, eine Bühne, Beschallungstechnik und Musiker bereiteten ihren Auftritt vor.

Ein Cafe bzw. eher Bistro lud zum Verweilen ein, es gab größere Bereiche zum Spielen für Kinder, u.a. ein Raum, dessen Fußboden mit Strandsand bedeckt war. In einem weiteren separaten Raum zog eine Verkaufsgalerie das Interesse von Groß und Klein an.

Bei der Weiterfahrt vorbei an Heidewiesen und vorbei an dem Kormoransee sah ich wieder die in englischem Baustil erbaute Hauszeile, welches Downing Street sehr ähnelte, wenn es nicht von dichtem Grün umgeben wäre. Ich musste also auch nicht damit rechnen, dass Boris J. plötzlich heraustreten würde.

Etwas weiter sah ich eine Gruppe, die vorwiegend Folklorekleidung trug. Ich fragte sie, wann das Konzert oder die Ballettveranstaltung beginnen würde. Nein ’svadba‘ (Hochzeit). Eine ukrainische Familie, die seit 16 Jahren in Litauen lebt, vermählte eine Frau aus ihrem Kreis an einen Litauer. Das Brautpaar war gerade beim Beach-Foto-Shooting .

Litauisch-ukrainische Hochzeit

Für mich war es wieder befremdlich folgende Geste zu registrieren, indem zu Victory-Zeichen kräftige BANDERA-Rufe erschallten (das ist der Ukrainer, der an der Seite der Hitlerarmee gegen die sowjetische Armee kämpfte und in deren historischen Kontext das Assow-Bataillon heute steht).

Kurz vor 17.00 Uhr checkte ich im TT-Line-Büro ein. Der Mitarbeiter übergab mir die Sitznummer 7431 des Recaro-Sitzes mit der Bemerkung: Nur dieser Platz sei meiner. Sieben deutet bestimmt auf die 7. Plattform hin, das andere würde sich zeigen.

Nach wenigen Minuten führte mich die gelbe Linie zum Ende der bereits vor der Fähre „MARCO POLO“ wartenden Fahrzeugschlange.

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Bikertreff am Hafen

Zwei junge Kopenhagener, die 10 Tage ganz Litauen abfuhren, und ein litauisches Vater-Sohn-„Pärchen“ wollten zwei Tage über Karlskrona in den Stockholmer Bereich fahren. Nach kurzem Gedankenaustausch ließen wir uns alle fünf den frisch gebackenen litauischen Hefekuchen schmecken.

Plötzlich ertönte laut von einem Hafenmitarbeiter der Ruf nach „Uwe“ (mein zweiter Vorname) und ich sollte an der langen Schlange vorbei und von freundlichen Blicken und Beifall klatschen der Moto-Biker ganz nach vorne und ich sollte als erster (!) die breite Rampe hoch an Bord. Mein Fahrrad erhielt auch gleich einen sicheren Schlafplatz:

Arbeitslast des Verantwortlichen für die Parkdecks

Die Rezeption befand sich im Ess- bzw. Verkaufsbereich. Es war alles ziemlich einfach ausgestattet, die Recaro-Sitze hatten alle keine Nummern und ich war auch der einzige Recaro-Sitzplatz-Kunde. Wie sich später herausstellte, waren außer mir nur noch zwei Männer, die sich gegen einen Kabinenplatz entschieden (für ein Bett in einer Innenkabine mussten zusätzlich mehr als 200 Euro bezahlt werden).

Bei meinem Bordrundgang dachte ich mir so, dass es ganz schön wäre, wenn die Strickleitern zum Besteigen der Rettungsboote möglichst nur für Trainingszwecke herunter gelassen werden müssten.

Trittleitern für Rettungsboote

In der Küche wurde ein abendliches Menü vorbereitet und vorwiegend den Brummifahrern angeboten. Ich hatte mich bereits in meiner kleinen Ecke auf mein Abendessen eingestellt.

Vorbei an den umfangreichen Hafenanlagen mit zahlreichen Öl- und Gasbehältern sowie Flüssiggasanlandungseinrichtungen ging es hinaus in die Ostsee.

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Ölhafen und Flüssiggasentladebereich

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Ausfahrt in die Ostsee

Die beiden litauischen Biker kamen zu mir, wir aßen gemeinsam zu Abend und unterhielten uns lange über ihre Urlaubspläne, über ihr Vater- Sohn-Verhältnis und über meine Radtour.

Mir war von vorherigen Überfahrten bekannt, dass die Lagerbereiche während der Überfahrt verschlossen sind. Ich musste also gut überlegen, was ich für die Nacht benötigen würde. Neben Essen und Getränken war die richtige Bekleidung auszuwählen. Ich nahm eine warme Jacke mit, eine warme Hose schien mir nicht wichtig zu sein. Ich stellte aber fest, dass die Klimaanlage kräftig lief. Meine Hoffnung, dass sie in der Nacht weniger kühlen würde, erfüllte sich leider nicht.

Mein kleines Handtuch war ein schlechter Ersatz für eine lange Hose, den Schlafsack hatte ich auch beim Fahrzeuggepäck gelassen. Ich schlief dann doch ein und merkte plötzlich, wie ein freundlicher Servicemitarbeiter mir eine warme Decke um die Füße legte. Ach, ist das schön warm! In diesem Moment wachte ich auf! Mir wurde bewusst: Es war leider nur ein Traum, aber ein schöner…

01. Juli, Freitag, Fährüberfahrt

Mit dem litauischen Vater-Sohn-Duo frühstückte ich mit Blick auf die Bugspitze der Fähre. So verging die Zeit ziemlich schnell. Wir sahen die Insel Bornholm an unserer rechten Seite vorbei gleiten. Das schwedische Festland war also nicht mehr weit.

Pünktlich erreichten wir den Hafen von Trelleborg. Der Kleinbus der schwedischen Hafenbehörde war pünktlich zur Schiffsankunft an der Pier. Der Fahrer kontrollierte akribisch meine Dokumente.

Transitbereich im Hafen Trelleborg

Ich sollte hinter dem Bus bis zum nächsten Fährterminal fahren. Für die nächsten Stunden stand ich hier vor mehr als 10 Schlangen von vorwiegend polnischen LKW’s und PKW’s, ging bekanntlich die Überfahrt nach Swinoujscie.

Etwa eine Stunde vor Schiffsabfahrt war die Beladung abgeschlossen und die “ PETER PAN“ konnte mit ihrer luxuriösen Ausstattung in Augenschein genommen werden. Mein Rad war dieses Mal nicht allein. Es stand im offenen Heckbereich neben zwei Rennrädern.

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Empfangshalle und Restaurant in der PETER PAN

Kurz vor Mitternacht erreichten wir Swinoujscie. Auf der Stadtfähre über die Swine wurde mir bewusst, dass sich nun ein Kreis schließen würde. Am 01. Juni fuhr ich nachmittags schon einmal mit dieser Fähre…

Ich hatte auf der Fähre mit einem Motor-Biker aus Poznan ein interessantes Gespräch. Er war komplett ` out door` auf den Äland-Inseln mit Kücheneinrichtung etc. unterwegs Alles schön separat in einzelnen Taschen verstaut; nicht so wie es bei mir vorwiegend war. Nun freute er sich auf drei Erholungstage mit seiner Frau in einem Swinemünder Hotel. Als er nachts an mir vorbei fuhr, drehte er für mich einen extra Kreis auf der Straße!

Mich erwarteten knapp 40 Kilometer bei strömenden Regen und Wind von vorne mit Böen bis zu 6 Windstärken. Gestärkt durch die bisherigen Fahrkilometer ritt ich auch dies ziemlich flott mit Turbo-Unterstützung ab.

Doch plötzlich ging ein junger Fuchs vor mir in Schmollensee auf die klatschnasse und glatte Fahrbahn. Bremsen hätte unweigerlich zu einem Sturz geführt. Zum Glück erkannte der Fuchs die Gefahr und rettete sich durch Rückzug. So ein Schlauer und ich … war heilfroh …

Meinen Bungalow erreichte ich gegen halb drei. Duschen und ab in die Falle. Gegen halb sieben strahlte mich die Sonne an. Ich holte beim Bäcker Brötchen und Gebäck. Harald, mein ehemaliger Hauptfeldwebel aus meiner Grundwehrdienstzeit 1976 – 78 hatte mir schon ab und zu Quartier für so manche Radtour auf Usedom zur Verfügung gestellt. Wir pflegten in den Jahren nach der Beendigung meines Grundwehrdienstes 1978 einen engen Kontakt. In den 90ern besuchte er mich manchmal im Stralsunder. Dieses Mal war ich aber besonders erfreut über die Übernachtungsmöglichkeit. Die Alternative wäre gewesen, noch 90 Kilometer bis Langendorf bei Stralsund bei Regen und Sturm durchzufahren.

02. Juli, Samstag, Nachtfahrt bis Zempin ; UBB nach Stralsund

Am nächsten Tag, dem 32. auf meiner Reise, ging es bequem mit der UBB zunächst bis Züssow. Zwei IC musste ich wegen fehlender Transportmöglichkeit für Räder ziehen lassen. Die Deutsche Bahn setzte aber wegen zu erwartenden starken Reiseverkehrs (9 Euro-Ticket galt bereits seit einen Monat) zur Freude der Bahnreisenden einen Zusatzzug ein.

Im Stralsunder Hauptbahnhof fuhr unser Zug auf Gleis 5 ein. Das heißt gleichzeitig Treppen runter, Treppen hoch. Ein junger Mann aus Greifswald war mir bereits beim Aussteigen aus dem Wagon behilflich und mit seiner Hilfe wagte ich es, das Abenteuer Lift anzugehen. Die Fahrstühle wurden so ausgeführt, dass die Länge nicht einmal für ein normales Rad , geschweige denn für Lastenräder ausgereicht hätte.

Wieder zu Hause, sehr beschwerlich …



Aufgrund eines Hinweises eines Stralsunder Rentners, kümmerte sich die Bürgerinitiative PRO RAD STRALSUND besonders intensiv 2018 um Verbesserung. Von der DB, Bereich Service Ost erhielten wir die Aussage, dass die Geometrie der vorhandenen Gleise längere Fahrstühle nicht zuließen. Was definitiv f a l s c h ist! Naheliegender ist es, dass aus Kostengründen der bereits vorhandene Schacht nicht verlängert wurde! Es wird leider immer noch zu häufig von klimafreundlichen Verkehrslösungen und Nachhaltigkeit gesprochen, an der Umsetzung fehlt es dann. Gerade auf meiner Reise durch das Baltikum, durch Teile Deutschlands und Polens habe ich das erneut hinsichtlich mobiler Erreichbarkeit durch mobiles Netz sowie Internet bestätigt bekommen.

Noch eine Bemerkung zu obigem Foto: In keinem der durch mich bereisten vier Länder Polen, Litauen, Lettland und Estland war auf meiner Tour das Tragen von Masken P f l i c h t …

No comment …



Kurzfazit: Es war richtig, diese Fahrradtour trotz aller Bedenken so durchzuführen wie eben gelesen. Diese Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, auch dieses Erstaunen immer wieder vermittelt durch: „Oh my god“ wird für immer in meinem Herzen bleiben. Diese Glücksgefühle, diese teils euphorischen Momente, haben diesen Juni 2022 zu etwas ganz Besonderem werden lassen!

So kam ich am 02. Juli zum Geburtstag meiner Gattin, Monika, nachmittags glücklich an!





Darüber hinaus bin ich mit dem E-Bike

* 1.684 km gefahren;

* habe ca. 84 Stunden und 12 Minuten auf dem Sattel gesessen

* vierzehn Tagesetappen a sechs Stunden durchschnittlicher Tagesfahrzeit abgestrampelt

* 3,5 Stunden tägliche Akkunachlade- sowie Ruhezeit während der 14 Radfahrtage

* durchschnittlich pro Tourtag 1,5 Std. Text- und Fotoarbeit

* wann habe ich geschlafen…?





Noch etwas Persönliches zum Abschluss, mein Motto:, vielleicht seit Beginn meiner Zeit als Rentner :



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Anhang


Anbei einige Nachrichten, die mich unterwegs per E-Mail oder Whatts App erreichten



Hallo, lieber Reinhard,

ich freue mich für dich, dass deine Nachhilfeschüler ihr Abi in Mathe
geschafft haben, da ist doch ihre Mail ein nettes Dankeschön an dich und
deine Arbeit.

Wir werden deine Radtour verfolgen, haben schon mal rein geguckt, du
hast aber auch Ideen muss ich sagen. Wir drücken die Daumen, dass alles
so klappt wie vorgenommen und das Wetter auch mitspielt.

Viele Grüße …


Hallo, Danke für die Infos.
Wir verfolgen deine Webseite mit Interesse! Super geschrieben und tolle Fotos. Besonders gut finden wir deine Kontakte zu den Menschen. Wir wünschen eine gute Rückreise.